Kultur : Geigenbruch

Auftakt: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

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Anderswo mag das Publikum den Herbst mit fröhlichem Husten begrüßen: Beim Saisonstart der exquisiten Spectrum Concerts im Kammermusiksaal ist die Stille vor dem ersten Ton vollkommen. Und damit nicht genug der kultivierten Unterstützung: Als in Schostakowitschs Klavierquintett unter dem herrlich energetischen Spiel von Boris Brovtsyn der Geigensteg krachend zusammenbricht, findet sich sofort ein Kollege, der ihm vertrauensvoll sein eigenes Instrument überlässt. Der Intensität und Präzision des Zusammenspiels tut die Umstellung keinen Abbruch – im Gegenteil. Zu den stärksten Momenten gehören die verletzlichen reinen Streicherpassagen in der Fuge und ein wie aus dem Moment erfundenes Zwiegespräch des Primarius mit dem intensiv und innerlich befreit musizierenden Bratscher Amihai Grosz.

Die atemlos gespannten Erwartungen erfüllt auch der 1976 geborene russische Pianist Jacob Katsnelson, der die erste Konzerthälfte solistisch bestreitet. Die in vielen fahlen Farben geisterhaft nachhallenden Akkorde des „Todes“ aus Janaceks Klaviersonate von 1905 hinterlassen einen starken Eindruck; ebenso Katsnelsons Auswahl aus Chopins Nocturnes und Mazurken. Seine Interpretation zeichnet sich durch große Kultiviertheit, beseelten Ernst, einen genauen Blick für musikalische Architektur sowie für die motivischen Qualitäten von Chopins Passagenwerk aus. Nur bei der g-moll-Ballade merkt man dem Spiel des fast überkonzentriert und leicht ballettmeisterhaft auftretenden Künstlers auch Anspannung an. Aber soll denn nur eine alte Geige Nerven zeigen dürfen?Carsten Niemann

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