Kultur : Geil Hitler!

BODO MROZEK

hält die Erregungsmaschine an

Ein Skandal ist etwas Schönes. Vorausgesetzt, man ist nicht darin verwickelt. Er ist die Ausnahme von der Regel, der grelle Farbtupfer auf dem Alltag des grauen Nachrichtengeschäfts. Drei Typen lassen sich im deutschen Kulturleben grob unterscheiden: Finanzskandale (eher langweilig), Sexskandale (eher amüsant). Wenn Hitler ins Spiel kommt (Typ drei), wird’s Ernst. Mischen sich die Typen zwei und drei, also Sex und Hitler, dann ist gewissermaßen die Endstufe erreicht. Was ist geschehen?

„Endstufe“ ist der Titel eines Romans des Autors Thor Kunkel, der eigentlich dieser Tage im Rowohlt-Verlag erscheinen sollte, doch Verlag und Autor trennten sich kurz vor Drucklegung. Keine schöne Sache, kommt aber vor. Was diesen Fall besonders macht, ist Kunkels Stoff: Nazis, SS-Leute sogar, die Pornofilmchen drehen. Grundlage dieser Fiktion sind reale Hardcore-Streifen, die wahrscheinlich in den 1940ern gedreht wurden und vielleicht sogar von Nazi-Offiziellen gehandelt wurden. Seit der Tagesspiegel am Sonntag berichtete, rotiert die Skandalmaschine. Regeln der Literaturkritik werden munter verletzt, der Autor wird vorverurteilt, Manuskripte kursieren unter der Hand. Ob es hier nur um eine Kulturdebatte geht, darf man bezweifeln.

Nazis und Pornos: Das ist eine Reizkombination, der viele offenbar nicht widerstehen können. Was aber macht die wackligen Schwarz-Weiß-Bilder, auf denen krachlederne Kerls blonde Busenwunder durch den Sachsenwald jagen bis die Volkskörper dampfen, so skandalös? Was Pornografie ist, weiß man. Es gab sie zu allen Zeiten – und wird sie vermutlich auch zu allen Zeiten geben. Filme „mit der Intention sexueller Reizwirkung“ (Brockhaus) sind in etwa so alt wie das Medium selbst. Was Nazis sind, weiß man größtenteils auch. Die NS-Ästhetik war durch und durch pornografisch. Die Inszenierung der Macht, der Uniformkult, ebenso die Gewalt und die Verunglimpfung der Gegner – von der Versklavung von Frauen in Wehrmachtsbordellen, den Menschenexperimenten und der „Rassenkunde“ ganz zu schweigen. Sind diese Erkenntnisse schon so verbraucht, dass wir uns über Schmalfilme erregen müssen?

Sollten auch die Nazis Pornos gehandelt oder gar hergestellt haben, mit bezahlten Verkehrsfreiwilligen, dann war dies vermutlich das Harmloseste, was sie so getrieben haben. Es ist eine Fußnote der Banalität des Bösen und nicht mal ein Skandälchen wert, geschweige denn einen Skandal. Die wichtigere Frage aber, ob der Autor Thor Kunkel seinem problematischen Stoff gewachsen ist, beantworte man, wenn die endgültige Fassung (demnächst bei Eichborn) vorliegt. Alles andere ist Boulevardinquisition.

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