Kultur : Geiselnahme in der Türkei: Die erpresste Erklärung

Susanne Güsten

"Tut mir Leid, ich bin gerade sehr beschäftigt", wimmelte Muhammed Tokcan einen türkischen Reporter ab, der ihn kurz nach Mitternacht am Montag auf seinem Handy erreichte. Tokcan hatte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich alle Hände voll zu tun, wie sich später herausstellte, denn er trieb gerade mehr als hundert Gäste und Angestellte eines Istanbuler Luxushotels mit vorgehaltener Waffe in einen fensterlosen Konferenzsaal. Nicht Geiseln, sondern "Gäste" der tschetschenischen Unterstützerbewegung seien die Menschen im Swissotel gewesen, erklärte Tokcans Kommando nach dem unblutigen Ende der Geiselnahme zwölf Stunden später. Die "Gäste" erlebten diese Nacht allerdings anders. Was sich am Ende als eine Art zynischer PR-Gag für die tschetschenische Sache erwies, war für sie bitterer Ernst.

Ganz in schwarz gekleidet und mit Sturmgewehren bewaffnet, stürmten die 13 Mann von Tokcans Kommando kurz vor Mitternacht die weiße Marmor-Lobby des Fünf-Sterne-Hotels am europäischen Bosporus-Ufer. Schüsse peitschten durch den großen Saal, der außer dem Empfang auch ein weitläufiges Café mit Panorama-Blick auf die Altstadt und eine exklusive Boutiquen-Zeile enthält. Schreiend warfen sich Gäste zwischen die Café-Tische auf den Boden, während andere geistesgegenwärtig durch Notausgänge flohen.

Während Sondereinheiten der türkischen Polizei auf dem Gelände in Stellung gingen, liefen noch in der Nacht diplomatische Vertreter aller Herren Länder vor dem Hotel zusammen, um ihre Staatsbürger zu orten. Deutsche, Österreicher, Schweizer, Japaner, Briten und Staatsbürger von einem halben Dutzend weiterer Länder waren im Swissotel einquartiert, das zu den besten Hotels von Istanbul zählt. Mehr konnten die Konsule aber nicht in Erfahrung bringen, denn die Telefonanlage des Hotels war gekappt, die Eingeschlossenen unerreichbar.

Tagelang hätte das Kommando die Geiseln festhalten können, denn der in einen Hügel gebaute und äußerst weitläufige Hotelkomplex wäre ohne Blutvergießen nicht zu stürmen gewesen. Und dass Tokcan einen langen Atem hat, wussten die türkischen Sicherheitsbehörden aus Erfahrung: Zusammen mit acht Komplizen hatte er schon 1996 eine Fähre auf dem Schwarzen Meer gekapert und die rund 200 Menschen an Bord gut drei Tage lang in seiner Gewalt behalten. Vor vier Monaten hatte ihn die Türkei bei einer Generalamnestie auf freien Fuß gesetzt.

Ebenso wie mit der Entführung der "Avrasya" vor fünf Jahren wollte der tschetschenischstämmige Türke auch diesmal wieder die internationale Aufmerksamkeit auf den Krieg in Tschetschenien lenken. Konkret verlangten die Geiselnehmer allerdings nicht mehr als ein Gespräch mit dem türkischen Innenminister und die Gelegenheit zu einer Presseerklärung - beides bekamen sie, obwohl der Minister anschließend behauptete, es seien keine Zugeständnisse gemacht worden. Widerspruchslos legten die Geiselnehmer nach dem Treffen ihre Waffen nieder und ließen sich zum Polizeipräsidium bringen - während der Sprecher einer tschetschenischen Unterstützergruppe vor dem Swissotel unbehelligt eine langatmige Erklärung über die Situation im Kaukasus abgeben und an das "Verständnis" der Türken für die Aktion appellieren konnte.

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