Geiselnahmen : Kidnapping als Konzept

Erpresserischer Menschenraub, das bestimmt derzeit die Nachrichten. Ein Blick auf Wesen und Geschichte der Geiselnahme.

Caroline Fetscher
Farc-Geisel
Einer von 3000. Dieser Mann wurde vor zehn Jahren in Kolumbien entführt. Jetzt will Präsident Uribe mit den Kidnappern verhandeln....Foto: AFP

Lächelnde Koreaner, junge Frauen und Männer, auf einem Gruppenfoto: Für ein paar Tage oder Wochen gesellt sich das Bild zur Ikonografie der Nachrichten. Rund um die Welt sieht man ihr Lächeln als Teil eines visuellen Kanons dessen, was Journalisten routiniert „ein Geiseldrama“ nennen. Auf diese Weise werden hier mehr als zwanzig Menschen zu öffentlich ausgestellten Opfern der religiös-ideologischen Talibankämpfer in Afghanistan. Deren Forderungskatalog gehört ebenfalls als fester Bestandteil zu solchen Dramen. Geld wollen sie herbeipressen, die Freilassung Inhaftierter, den Abzug von Truppen. Das Pokerspiel mit dem Leben dieser Geiseln soll ihnen auf dem Weg zu einer imaginierten Machtergreifung ein Stück weiter helfen.

Während die Koreaner in Angst um ihr Leben festgehalten werden, zog der Dorfschullehrer Gustavo Moncayo in Kolumbien Tausende von Kilometern zu Fuß durch sein Land, um auf die Geiselhaft seines Sohnes aufmerksam zu machen, der sich seit zehn Jahren in der Gewalt linker Farc-Rebellen befindet. Heute, so er noch lebt, ist der Sohn Pablo Emilio 29 Jahre alt. Da die Wanderkampagne des Vaters, die am Mittwochabend auf der Plaza Bolivar in Bogotá endete, landesweit Aufmerksamkeit und Solidarität erregte, rang Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe sich jetzt das Zugeständnis ab, in eigens dafür entmilitarisierten Gebieten Friedensverhandlungen mit den notorischen FarcKidnappern zu suchen. Erpresserischer Menschenraub ist in Kolumbien üblich. Zwei linke Gruppierungen, eine rechte Gruppe und mehrere kriminelle Gangs halten zurzeit insgesamt mehr als 3000 Frauen und Männer als Geiseln fest. Außer von der Politikerin Ingrid Betancourt, von deren Schicksal alle Jahre wieder in der ein oder anderen Reportage berichtet wird, hat man außerhalb Kolumbiens von den wenigsten je etwas vernommen.

Andere Menschen zum Pfand zu nehmen, um politische Ziele durchzusetzen, war ursprünglich durchaus Bestandteil geregelter, zivilisatorischer Übereinkommen. „Hostage“, der englische Begriff für Geisel, leitet sich von „host“, dem Gastgeber ab. Schon in der Antike gab es die Praxis, Geiseln als Bürgschaftsgefangene zu nehmen und zu übergeben, um dynastische oder imperiale Ansprüche zu sichern. Solche Personen, oft aus Adels- und Herrscherfamilien, wurden zuvorkommend behandelt, ihre dauerhafte Anwesenheit auf dem Territorium des jeweils Anderen galt als Garant für wechselseitig guter Beziehungen und wurde gelegentlich auch in die Strategie der Heiratspolitik integriert.

Kriegsgefangene als Geiseln – etwa zum Austausch mit jenen der Gegenseite – kennt die Geschichte seit dem China des 8. Jahrhunderts über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Im grausam geführten „Hundertjährigen Krieg“ zwischen den Franzosen und Engländern im 14. Jahrhundert mussten französische Geiseln in England mit ihren Dienern auf eigene Kosten leben, wurden aber gelegentlich auch mit Banketten und Musik unterhalten. Sie durften sich in England frei bewegen und auch ihrer beliebten Jagd nachgehen. So hielt man sie bei guter Laune.

Überwiegend finanzielle Ziele, wenngleich religiös verbrämt, verfolgten Geiselnehmer häufig bei Pogromen, wie im Jahr 1420, als die Juden der herzoglichen Städte Österreichs gefangen genommen wurden und zur Taufe gezwungen werden sollten. Als sich viele weigerten, verwies man die Armen unter ihnen des Landes. Die Reichen behielt die christliche Elite als Geiseln. Man wollte ihnen unter Folter die Verstecke ihrer möglichen Schätze entlocken.

 Mit dem Frühkapitalismus und dem Kolonialismus entdeckte man eine neue Verwendung des menschlichen Pfands. In Zentralafrika, wo zwischen Sümpfen und Regenwäldern am Ende des 19. Jahrhunderts das globale Geschäft mit dem Gummi blühte, brauchte man Hunderttausende von Zwangsarbeitern. Zum Kautschuk-Boom auf dem Gebiet der heutigen Republik Kongo gehörte das systematische Ausbeuten afrikanischer Arbeitskräfte durch die christlichen Kolonialherren aus König Leopolds Belgien. Ohne Mitempfinden betrieben die Colons ihre Sache – und zählten auf das Mitgefühl der Gegenseite, zugunsten des eigenen Profits. Um den zu erhöhen, nahmen sie Angehörige von Arbeitern als Geiseln. Der Historiker Adam Hochschild schreibt in „Schatten über dem Kongo“ (Klett-Cotta, 1998): „Tausende von Menschen, Frauen, Kinder und Alte, starben als Geiseln. Die Soldaten hielten sie, häufig angekettet, in Gefängnissen fest, wo es nur den nackten Erdboden und wenig oder gar nichts zu essen gab, bis die Männer des Dorfes die geforderte Kautschukmenge gebracht hatten – was manchmal Wochen dauerte.“

Von der Praxis sowohl der Pogrome als auch des entfesselten Kolonialismus haben die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts eifrig gelernt. Lenins wie Stalins Sowjetunion machte ohne Skrupel von Geiselnahmen Gebrauch, der Nationalsozialismus ohnehin. Merkmal dieser Praxis ist das Instrumentalisieren unbeteiligter, unschuldiger Zivilisten zu ideologischen Zwecken. Wobei sowohl der Inhaftierte als auch dessen Angehörige zur Geisel des Systems werden, das damit etwas Wesentliches über sich aussagt. Es offenbart, dass es jederzeit bereit ist, auch die eigene Gesamtbevölkerung zur Geisel im eigenen Ideengebäude zu machen. Erpressung und Bedrohung lauern potentiell überall. Wer desertierte, dessen Familie sah sich Repressalien ausgesetzt. Wer sich zum Beispiel aus der DDR durch „Republikflucht“ dem eingezäunten Territorium entzog, dessen Angehörige hatten es schwer. Im Abu-Ghraib-Gefängnis zur Zeiten von Saddam Husseins Tyrannei wurden Kinder vor den Augen von Müttern gefoltert, damit diese den Aufenthaltsort des Vaters preisgaben.

Solch bestialische Vorgehensweise von totalitären Systemen haben mittlerweile jene beherzigt, die als sogenannte Non-StateActors ihre kleineren und größeren Ziele als Separatisten oder religiöse Totalitaristen verfolgen. Wie effektiv erpresserischer Menschenraub einerseits Aufmerksamkeit und andererseits ohnmächtige Zugeständnisse zur Folge haben kann, das machten sich viele von ihnen zunutze. Die „Rote Armee Fraktion“ versuchte mit der Entführung Schleyers den Staat ebenso zu manipulieren wie das mörderische Palästinenserkommando bei der Münchner Olympiade, wie die tschetschenischen Terroristen an der Grundschule in Beslan oder im Moskauer Musical-Theater.

Während die staatlichen Akteure zwischen Moral, Gewissen und Grenzsetzung Rechtsgüterabwägungen treffen müssen (und damit unter Umständen über Leben und Tod entscheiden), bleibt es den Zuschauern und Medienkonsumenten weltweit überlassen, ob sie voyeuristisch am schrecklichen Schauspiel teilnehmen, ob sie indifferent bleiben, Empörungsgenuss empfinden, heimlich oder offen mit den Tätern sympathisieren, mit den vermeintlich schwächeren Geiselnehmern in einem asymmetrischen Konflikt.

Wer aber will, kann einiges über die Geiselnehmer lernen, wenn man ihre Inszenierungen analysiert. Denn in nuce treffen sie mit ihren Taten klare Aussagen über ihr Welt- und Menschenbild. Mit der Mikro-Inszenierung ihrer „Geiseldramen“ geben sie eine Vorschau auf das, was sie, einmal an der Macht, als Makro-Inszenierung vorgesehen haben. Lassen Islamisten vor der Kamera einen Journalisten wie die jüdische Geisel Daniel Pearl enthaupten, erklären sie ihr Verhältnis zu Antisemitismus und Gewalt. Während sie Geiseln wie die Koreanerinnen in Afghanistan oder die Verschleppten im kolumbianischen Dschungel in komplette Abhängigkeit und Regression zwingen, machen sie deutlich, was sie grundsätzlich mit dem Anderen, dem Gegenüber, dem politischen Gegner vorhaben, sollten sie die Oberhand gewinnen. Deutlich erklären sie, wie wenig ihnen die Bindungen, Emotionen und Loyalitäten anderer wert sind. Sie demonstrieren ihre Empathiearmut und soziale Unreife, ihre Untauglichkeit zum Übernehmen von Verantwortung.

Der Terror, da kann es keine Illusion geben, ist nicht „eine bedauerliche Phase“ auf dem Weg zum guten Ziel. Er ist vielmehr der Kern, verrät ihre Haltung und das Movens ihres Handelns, das jenem von brutalisierten Eltern entspricht, die sich Schutzbefohlene nicht anders vorstellen können denn als Untertanen, Leibeigene und Mittel zum Zweck. „Verzweifelte Palästinenser“, „fromme Islamisten“, „linke Rebellen“: Sie geben als Geiselnehmer bereits alles über sich preis.

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