Kultur : Geist der Erzählung

Joao Penalva lässt in der Galerie Diehl imaginäre Glocken läuten

Claudia Wahjudi

Joao Penalva ist ein wortgewandter Erzähler. Der portugiesische Künstler kombiniert in seinen Performances und Installationen eigene Geschichten mit Überlieferungen aus verschiedenen Kulturen und Epochen zu verblüffenden Fiktionen. Für seine neue Arbeit „The Bell-Ringer“ hat er sich von Thomas Manns Roman „Der Erwählte“ anregen lassen. Bereits auf Seite eins läuten hier die Glocken landauf, landab, obwohl nirgendwo ein Glöckner das Seil zieht. Es sei „der Geist der Erzählung“, schreibt Mann, der die Klöppel schwinge. Penalva las das Buch mit 16 Jahren zum ersten Mal. Während seines DAAD-Stipendiums in Berlin hat der 1949 geborene Teilnehmer vieler Biennalen es jetzt neu entdeckt.

Die Passage von den Glocken eröffnet das Video seiner Installation, die nun in der Galerie Volker Diehl zu sehen und zu hören ist (15000 Euro, Auflage 5). Wie ein Buch setzt „The Bell-Ringer“ auf das bildliche Vorstellungsvermögen des Lesers. Das knapp einstündige Video zeigt einen Fluss vor Hügeln im Dunst – sonst nichts. Nur das Wasser scheint mal nach oben, mal nach unten zu rinnen: Penalva hat zwei Filme gegenläufig übereinander kopiert. Unverständlich murmelt ein Erzähler gegen Rauschen und Knacken an. Für Handlung sorgen allein die englischen Untertitel. Sie spinnen Manns Romananfang fort, schildern in verschiedenen Stilen Männer mit gespaltener Persönlichkeit und Frauen, vor deren Fenster plötzlich ein Körper hinunterfällt.

Im giftgelben Park

Penalva macht imaginäres Kino. „The Bell-Ringer“ gleicht einer Lichtspielbude auf dem Jahrmarkt, mit Klappstühlen im Halbrund und bunten Glühbirnen im Vorraum. Ähnlich hatte er vor drei Jahren in der Galerie schon „336 Pek“ arrangiert. Zu der giftgelb gefärbten Aufnahme eines Parks trug eine erschöpfte Männerstimme auf Russisch fiktive Erinnerungen an Sibirien und den Baikalsee vor. Etwa zeitgleich zeigte Penalva auf der zweiten Berlin Biennale die Videoarbeit „Kitsune“, deren Sprecher sich japanische Geistergeschichten erzählten. Mit der brutalen Schönheit von „336 Pek“ und dem geheimnisvollen Zauber von „Kitsune“ kann sich der stimmschwache „Bell-Ringer“ aber nicht messen. Alle drei Arbeiten folgen jedoch denselben Prinzipien: Sie wecken kollektive Erinnerungen und setzen auf das assoziationsreiche Zusammenspiel von Bild, Schrift und Klang.

In einer zweiten Videoarbeit kommt Penalva dann nun ganz ohne Ton aus, mit drei farblosen Negativprojektionen von Wasser, das lautlos gegen Pontons schwappt (9000 Euro, Auflage 9). „The Hermitage Pier“ ist ein meditatives, fast religiöses Triptychon. Video dient Penalva nicht mehr nur als Kopfkino, sondern auch als Malerei mit anderen Mitteln. In der Fotografie führt er die beiden Methoden zusammen. Fünf malerische Solarisationen zeigen Abbildungen aus Büchern über japanische Papierpuppen (je 5000 Euro). Die Typoskripte daneben schildern Details, die auf den kontrastarmen Abzügen nicht zu erkennen sind, die sich der Betrachter jedoch genau vorstellen kann. Bei Penalva vermittelt Sprache zwischen Fakten und Fiktion. Und sie führt in die Irre. Thomas Mann ließ die Glocken am Tiber läuten, über dem Vatikanischen Hügel, in Foro und Trastevere. „The Bell-Ringer“ zitiert diese Namen, während auf der Leinwand die Landschaft im Abendlicht verschwimmt. So schön also kann das alte Europa sein. Wirklich? Nein. Fluss und Hügel hat Penalva in Taiwan aufgenommen.

Galerie Volker Diehl, Zimmerstraße 88-91, bis 14. April; Dienstag bis Sonnabend, 11–18 Uhr.

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