Kultur : Geist im Spiegel

Hendrix & Händel, in London vereint

Martin Steinmetz

Das vierstöckige Reihenhaus liegt in Londons noblem Stadtteil Mayfair. Eine blaue Gedenktafel verweist darauf, dass Jimi Hendrix von 1968 bis 1969 hier in der Brook Street 23 gewohnt hat. Hendrix selbst soll nach seinem Einzug von einer ähnlichen Gedenktafel fasziniert gewesen sein: Darauf stand, dass 200 Jahre zuvor der Barock-Komponist Georg Friedrich Händel bis zu seinem Tod im Nachbarhaus, der Nummer 25, gewohnt hatte.

Dort ist nun zum 40. Todestag des visionären Gitarristen die Ausstellung „Hendrix in Britain“ zu sehen. Ab September kann auch seine Wohnung besichtigt werden. „Es war sein erstes richtiges Heim“, sagt Martin Wyatt, Kurator des Händel House Museums, dessen Büro im ehemaligen Hendrix- Apartment liegt. „Sonst war Hendrix in seinem kurzen Leben immer unterwegs. Aber hier fühlte er sich sehr wohl. Er nahm den Bus, ging in den Plattenladen um die Ecke und gab viele Konzerte in der Stadt.“

Verschollene Filme, Fotos, Kleider und Songtexte sind in der Ausstellung zu sehen. Doch für einen originalgetreuen Nachbau der Wohnung fehlt dem Museum momentan das Geld. Viele der Einrichtungsgegenstände wurden 2004 versteigert. Darum bleibt das meiste der Vorstellungskraft der Besucher überlassen.

Der in Seattle geborene Rockstar war von seinem deutschen Nachbarn fasziniert. So durchforstete er die Plattenläden auf der nahe gelegenen Oxford Street nach Händel-Opern. Im Badezimmerspiegel sei ihm beim Rasieren sogar der Geist des Komponisten erschienen und habe ihn angeblinzelt. Hendrix sei daraufhin die knirschende Holztreppe hinunter ins Wohnzimmer gestürmt. So jedenfalls erinnert sich seine damalige Freundin Kathy Etchingham in ihrem Buch „Through Gypsy Eyes“. Mit ihr teilte er sich die Wohnung in der Brook Street. Hendrix hatte sie 1966 in der Nacht seiner Ankunft in London kennengelernt. Im Gepäck hatte er ein paar zerkrumpelte Dollarscheine und seine legendäre Fender Stratocaster. Das Paar zahlte eine Monatsmiete von 120 Pfund, heute wären das ungefähr 2000 Euro. Auch damals waren die Londoner Mieten schon hoch. Es gab zwei Telefone: einen Anschluss für Groupies und einen für Privatgespräche. Die Raufasertapete war durch Tücher mit indischen Motiven verdeckt, lilafarbene Vorhänge hingen vor den Fenstern.

Fans, die eine Wohnung im blumigen Hippie-Stil erhoffen, werden enttäuscht sein. Das Apartment war schlicht und gediegen mit dunklen Möbeln eingerichtet. Das Badezimmer, eine Küche mit gasbetriebenem Kühlschrank und ein Gästezimmer befanden sich unter dem Dach. Hier versammelte sich die Elite der damaligen Rockszene. Nach exzessiven Partys schliefen Eric Clapton, John Lennon oder The Who-Schlagzeuger Keith Moon in der Brook Street. „Moon war oft hier“, erzählt Kurator Wyatt. „Nach einer durchzechten Nacht ist er die Treppe heruntergefallen und durch ein Fenster auf den Treppenabsatz vor der Wohnungstür gekracht.“

Der Museumsleiter vermutet, dass ein Großteil der Songs zum „Electric Ladyland“-Album in der Wohnung entstand. Während Händel nebenan unter anderem die „Feuerwerksmusik“, die Oper „Der Messias“ und, wenn man so will, die Hits der feinen Hofgesellschaft verfasst hat, schrieb Hendrix die der Gegenkultur. Beide Exil-Musiker wurden in ihrer Londoner Zeit weltbekannt, und beide starben in der britischen Metropole.

Spätestens hier aber enden die von Wyatt gern bemühten Ähnlichkeiten. Während Händel halb erblindet im Alter von 74 Jahren starb, endete Hendrix’ Leben bekanntlich bereits mit 27. Am 18. September 1970 fand die deutsche Eiskunstläuferin Monika Dennemann den leblosen Körper des Gitarristen in einer Kellerwohnung im Hotel Samarkand in Notting Hill, im Westen von London. Martin Steinmetz

„Hendrix in Britain“, Handel House Museum, Brook Street 25, London, bis 7. November. Die Wohnung in der Brook Street 23 kann vom 15. bis 26. September besichtigt werden. www.handelhouse.org

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