Kultur : Geist ist eine Lesart

Der Büchner-Preis ohne seinen Preisträger

Michael Adrian

Es war keine gewöhnliche Georg-Büchner-Preisverleihung, die am Samstag in Darmstadt über die Bühne ging: Oskar Pastior, der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnete Lyriker, war nach der Zuerkennung des Preises überraschend am 4. Oktober gestorben. Wie würdigt man nun diesen Toten, der kein Wort, das er auflas, ließ, wie es war, und nun nicht mehr selber würde sprechen können?

Auf nach Darmstadt also und am Frankfurter Hauptbahnhof noch etwas Wegzehrung besorgen. Ein Brötchen. Auf die erstaunte Frage, warum für das gewöhnliche Brötchen nicht der ausgewiesene Brötchenpreis, sondern der höhere für ein Baguette zu entrichten sei, erfolgte die verblüffende Antwort: „Ist Baguette!“ In Darmstadt angekommen, verspricht ein anderer Verkaufsstand klare Verhältnisse: „Alle belegten Baguettes 1,99“. Wie entlastend, denkt man sich, und wählt ein solches. Das kostet plötzlich 2,49. Und tatsächlich: Es ist halt nur eins.

Sprache ohne die geringste Scham zur Manipulation zu benutzen, ist längst alleralltäglichste Selbstverständlichkeit geworden. Warum streiten, man benennt die Dinge einfach um. Da drängt sich die Frage auf, ob das gute oder schlechte Zeiten für die Poesie sind.

Mit Oskar Pastior hat die Akademie den wichtigsten deutschen Literaturpreis in diesem Jahr einem puren Poeten vermacht, einem Sinntänzer und Formenjongleur reinsten Wassers, einem, der die Wörter wörtlich nimmt und sich zu einer Fülle von Assoziationen und Sinnentdeckungen anregen lässt. Als die Entscheidung bekannt wurde, gab es ein Raunen hier und da. Ob der Preis nicht viel zu spät komme, ob die „konkrete Poesie“, über deren Leisten man Pastior gerne schlägt, nicht bereits eine historische Gestalt sei.

Für Pastior selbst kam die Würdigung gerade rechtzeitig. Er konnte sich eben noch über die späte Anerkennung freuen und eine Dankesrede schreiben, bevor er, mit Vorbereitungen zur Buchmesse beschäftigt, auf dem Sofa des Akademiepräsidenten für immer einschlief. Pastiors Rede trug nun sein engagierter Verleger Michael Krüger vor. Und es war eine beeindruckende Selbstauskunft, die der Dichter hinterlassen hat, ein zwanzigminütiger autobiografisch-poetischer Parforceritt durch die Motive von Schreiben und Leben, selbst ein Stück Poesie und kein „Reden über“, eine Selbstpositionierung gegenüber den „Aus-meiner-Sicht-Verständnis-Überzeugungstöpfern“. Im indirekten Gespräch mit Büchner und Celan riss Pastior autobiografische Stationen an – das Bukarest der fünfziger Jahre, das russische Arbeitslager, in das der Rumäniendeutsche nach dem Krieg verbracht worden war – und machte immer wieder deutlich, das die sinnlich helle Sprachlust, die am Gedicht aufglänzt, dunklen Abgründen entspringt. „Vom Sichnichtrührenkönnen haben wirs gelernt, das Wandern.“ Pastior entwarf eine Poetik der „Geister, sprich Lesarten“ und ließ ahnen, dass das Spiel mit Wörtern und Klangbildern eben kein freies Spiel ist, sondern Notwehr, Lesart als Befreiungskampf. „Wieder Klärschlamm gebaggert, wieder Lyrik sekretiert“ – so nimmt sich die Arbeit des Dichters in diesem genauen Gegenteil frohgemuter Selbsterhöhung aus. „Und dann“, fährt Pastiors Text fort, „reden die Leute von Spielerei“.

Am Ende schien der Dichter das eigene Tun gänzlich infrage zu stellen, bezweifelte, „ob es noch um Lesart geht“. Wo nichts mehr richtig und falsch ist, was vermögen da noch die Ausrufe und Eingriffe der Poesie?

Dichtung spricht niemanden im Besonderen an, also alle, aber um überhaupt von Wert zu sein, muss sie ihren eigenen Gesetzen folgen. In dieser Hinsicht, das machte die Darmstädter Zeremonie deutlich, sitzen Literatur, Kritik und Wissenschaft im selben Boot. Traditionell verleiht die Akademie neben dem Büchner-Preis den Johann-Heinrich-Merck- Preis für literarische Kritik und den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. In ihren Dankesreden plädierten der langjährige F.A.Z.-Kunstkritiker Eduard Beaucamp und der Frankfurter Mediävist Johannes Fried eindringlich dafür, die Kriterien ihrer Metiers nicht vom Markt und nicht von der kurzatmigen Gegenwartsfixierung einer Gesellschaft kompromittieren zu lassen, der langsam die Sprache ausgeht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben