Kultur : Geist und Blitz

75 und heraus aus dem Elfenbeinturm: Ivan Nagel

Peter von Becker

Es ist oftmals heikel, die geistige Physiognomie eines Menschen mit seiner leibhaftigen Erscheinung kurzzuschließen. Doch bei Ivan Nagel mag das heute erlaubt sein. Die intelligente – und in einem musikalisch emphatischen Sinne dann auch: beseelte Verkörperung hat ihn ja als Theaterkritiker, Dramaturg und Intendant ebenso umgetrieben wie als Essayist, gleich, ob er über Goya oder Kortner, über Mozart oder Zadek geschrieben hat. Immer hat Nagel beobachtet, wie aus einer geistigen Erkenntnis und Intuition etwas in Zeit und Raum entsteht – wie das Wort, der Ton oder die Vision also Wirklichkeit wird. Und wie umgekehrt die Realität (und nicht nur eine formale Eingebung) den Kunstwerken Leben einhaucht und einbläst. Kunst ohne den Glanz und Dreck unserer Existenz, all das, was als l’art pour l’art (oder Selbstunterhaltung) den Kulturbetrieb mit am Laufen hält – das ist nicht Ivan Nagels Fall.

Nochmals zum Anfang: Ivan Nagel, diesen Egghead im äußeren Anschein, könnte man wegen seiner leise, zwischen Scheuheit und höflicher Distanz hochgebildet argumentierenden Intellektualität für einen schieren Schöngeist halten. Und ich erinnere mich, wie er in einem vor genau 21 Jahren in einer auch damals unglaublichen Frühsommerhitze geführten Gespräch mit Henning Rischbieter und mir über viele Stunden hinweg genau diesen Eindruck ein für alle Mal widerlegen wollte. Das war eine Überraschung, vielleicht auch Befreiung.

Nach seiner vom wilden Peter Zadek („Othello“) und feinsinnigen Rudolf Noelte („Der Menschenfeind“) begleiteten Intendanz am Hamburger Schauspielhaus, nach drei Jahren als Kulturkorrespondent in New York und einem Aufenthalt im Berliner Wissenschaftskolleg begann Nagel 1985 gerade seine Intendanz am Stuttgarter Staatstheater. Und erstmals sprach der gebürtige Budapester in unserem Interview für das Jahrbuch von „Theater heute“ öffentlich nicht nur von der Verfolgung als junger Jude durch die Nazis in Ungarn oder vom Studium bei Adorno oder den Theaterlehrjahren bei Fritz Kortner. Nagel erzählte auch von seiner Homosexualität: wie rettend und zugleich bedrückend er Gesellschaft und Rechtssystem der frühen Bundesrepublik erlebt hatte. Ohne Absage an die unverzichtbare ästhetische Theorie beschwor er dann vor allem eines: die Reibung der Kunst am Leben. Auch das Theater könne ohne sie und ohne die Wirklichkeit als Elexier der Erfahrung nicht überleben.

Das war ein großer Abgesang – nicht auf den gebildeten Bürger; aber auf den selbstgefälligen Einbildungsbürger. Diesen Weg ist Ivan Nagel auch nach seiner Theaterzeit weitergegangen: mit seinen publizistischen Interventionen, etwa bei den Attacken auf George W. Bushs Politik, von denen sein 2004 erschienenes „Falschwörterbuch“ über „Krieg und Lüge am Jahrhundertbeginn“ zeugt. Zu seinem 75. Geburtstag wünschen wir dem Berliner Geisteskopf weiter soviel Hell- und Klarsicht.

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