Kultur : Geist und Gefühl

Rembrandt oder Raffael / Eine Lobrede von Max Liebermann

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Rembrandt oder Caravaggio hieß eine der spannendsten Gegenüberstellungen in diesem Jahr. Für frühere Generationen hieß es: Rembrandt oder Raffael? Keine Frage, dass Max Liebermann den Realisten Rembrandt dem Idealisten Raffael vorzieht. Wir zitieren aus der Eröffnungsrede, die der damalige Akademiepräsident 1930 zur Berliner Rembrandt-Ausstellung hielt. Am Donnerstag eröffnen die Staatlichen Museen zu Berlin, im 400. Geburtsjahr des Niederländers, erneut eine Rembrandt-Ausstellung: Zu sehen sind 277 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken. Tsp

Seine Bilder galten als roh, zu schwarz und zu sehr geschmiert. Ludwig der XIV. ließ „ces magots-là“, diese scheußlichen Fratzen, aus seinen Schlössern entfernen, und auch Friedrich der Große scheint die Greuze, die Watteau, die Lancret und die Pater mehr geliebt zu haben. Aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fingen die kleinen deutschen Fürsten, die Landgrafen von Hessen, die Oldenburger und Braunschweiger Herzöge, denen, angeregt durch Reynolds und Gainsborough, die englische Aristokratie folgte, Rembrandt zu kaufen an, und von da an setzt der Umschwung in der öffentlichen Meinung über Rembrandt ein, der ihn heute, wenigstens dem Preise nach, den seine Bilder erreichen, über Raffael triumphieren lässt.

Hie Raffael – hie Rembrandt! Idealismus und Realismus streiten und werden immer streiten in der ästhetischen Auseinandersetzung, so lange, bis das Wort Goethes „Das Reale ist das wahre Ideale“ die herrschende Meinung geworden ist.

Die Kunstgeschichte hat Rembrandt unter die Realisten einrangiert, wahrscheinlich, weil er unmittelbar die Natur zum Bilde gestaltet, während die sogenannten Idealisten ihre Bilder aus Stücken der Natur zusammensetzen, komponieren. Rembrandt ist das Gegenteil eines Realisten, er ist vielmehr Visionär. Er ist das subjektivste Genie und zugleich das objektivste. So persönlich seine Vision von der Natur ist, bleibt sie ein Porträt der Natur, und zwar so ähnlich, dass man heut noch nachweisen kann – wie es Frits Lugt in seinem Buche „Mit Rembrandt in Amsterdam“ getan hat –, wo und von wo aus der Meister seine landschaftlichen Zeichnungen gemacht hat. Sein Genie, obgleich es die Natur so eigentümlich wie möglich sieht, zieht uns so mächtig in seinen Bann, dass wir sie mit seinen Augen zu sehen vermeinen. (...)

Wie Cervantes in „Don Quichote“ den modernen Roman, Shakespeare in seinen Dramen das moderne Theater, so erschuf Rembrandt das moderne Bild, das trotz aller Änderungen der Zeiten und Schulen das herrschende geblieben ist und bleiben wird, solange es eine Kunst der Malerei gibt – was heutzutage allerdings ungewiss erscheint. Nicht etwa, dass unser Meister wie ein Meteor vom Himmel gefallen wäre und uns das neue Bild geschenkt hätte. Nein! Auch Rembrandt steht auf den Schultern seiner Vorgänger, und zwar so sehr, dass seine frühen Bilder denen seines Lehrers Lastman gleichen und wahrscheinlich manches Mal unter dessen Namen gehen. Aber in der Kunst kommt es nicht darauf an, wer eine bestimmte Form erfunden hat, was sich überhaupt in der Regel nicht nachweisen lässt, sondern auf die Persönlichkeit, die die Form mit ihrem Ausdruck erfüllt. Und es unterliegt keinem Zweifel, dass es vor oder nach Rembrandt keinen Maler gegeben hat, der seinen Gestalten einen stärkeren lyrischen,dramatischen, kurzweg: größeren dichterischen Ausdruck einzuflößen vermocht hat als er. Es ist nicht mehr die schöne Linie, nicht mehr die Komposition, die das Bild erzeugt, sondern der Ausdruck, das innere Leben in seinen Figuren erschafft die Einheit und den Zusammenhang des Werks. Je älter Rembrandt wird, desto mehr schwindet das Materielle in seinem Werk: Alles wird Geist und Gefühl, und indem er – nach Schillers schönem Wort – durch die Form den Stoff vertilgt, dringt er zum Höchsten vor, was dem Künstler erreichbar, zur völligen ästhetischen Freiheit.

Aus: Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei. Schriften und Reden. © S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1978

Zeiten und Preise

Drei Ausstellungen sind zu Rembrandts 400. Geburtstag vom 4. August bis 5. November in Berlin zu sehen: „Rembrandt – Genie auf der Suche“, „Rembrandt – Der Zeichner“ und „Rembrandt. Ein Virtuose der Druckgraphik“, alles am Kulturforum .

Eintrittskarten (12 bzw. 15 €) können im Vorverkauf (Kulturforum oder Vorverkaufsstellen und Reisebüros), per

Tickethotline (01805/805740) oder als Online-Buchung (www.ticketonline.de) mit festen Einlasszeiten erworben werden, um lange Schlangen zu vermeiden. Samstags gibt es von 18.15 bis 22 Uhr einen VIP-Einlass mit reduzierter Besucherzahl (Eintrittspreis 30 €).

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