Kultur : Geisterstunde

Zum Finale der 63. Filmfestspiele Cannes

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Gold für Thailand. Palmengewinner Apichatpong Weerasethakul. Foto: dpa
Gold für Thailand. Palmengewinner Apichatpong Weerasethakul. Foto: dpaFoto: dpa

Alle Macht der Fantasie. Die neunköpfige Jury unter Tim Burton hat sich bei der Palmen-Vergabe des 63. Filmfestivals von Cannes als krisenresistent erwiesen und weder die Werke zur Weltlage ausgezeichnet noch eine der lautstarken Polit- oder Kriegsgeschichten. Mit der Goldenen Palme für Apichatpong Weerasethakuls Dschungelgeisterstunde „Uncle Bonmee Who Can Recall His Past Lives“ und dem Großen Preis für Xavier Beauvois’ „Des hommes et des dieux“ würdigte sie am Sonntag zwei Arthouse-Produktionen, die das Übersinnliche feiern, die Metaphysik, das Jenseits im Diesseits. Tim Burton, der Fantast, der verspielte, wilde Kinozauberer – das Votum hat seine Logik.

Weerasethakul bedankte sich für die erste thailändische Palme in der Geschichte von Cannes bei den Geistern von Thailand, die das Team beim Dreh schützend umgaben. In seiner Heimat ist der 39-Jährige durchaus eine politische Figur, er spricht offen über die Zensur, über seine Homosexualität wie über andere Tabuthemen Indochinas, einige seiner Filme sind in Thailand verboten. Mit „Onkel Bonmee“ (der auch mit deutschen Geldern entstand) veranstaltet er ein somnambules, hypnotisches Spektakel. Der nierenkranke Titelheld kehrt zum Sterben in den Dschungel zurück. Seine tote Frau kommt zu Besuch, sein verschwundener Sohn erscheint in exotischer Gestalt, freundliche Zottelwesen mit rotglühenden Augen bevölkern die Wälder. Gleich am Anfang hatte ein Wasserbüffel sich als derart charakterstarker Ausreißer erwiesen, dass man begreift: Tiere haben eine Seele, und wie! Es ist nicht Weerasethakuls bester Film, aber die Magie seines animistischen Dschungelkonzerts suchte in Cannes ihresgleichen.

Der Rest ist Jury-Diplomatie: Drei Preise für das Festivalland Frankreich – in Beauvois’ Film trotzen Mönche dem fundamentalistischen Terror im Atlasgebirge von Algerien und gehen sanftmütig in den Tod. Und erstmals in der Geschichte von Cannes ein geteilter Darstellerpreis, für den Spanier Javier Bardem und den Italiener Elio Germano. Beide spielen sich aufopfernde, abrackernde Väter, ein Leitthema des Festivals.

Und was bleibt von Cannes 2010? Woody Allen, der auf seiner Pressekonferenz dringend vom Altwerden abrät. Claudia Cardinale, die bei der Gala zur restaurierten Fassung von Viscontis „Leopard“ wie ein junges Mädchen um den betagten Alain Delon herumhüpft. Die schwarzen Wasser des Meers bei Nacht, gefilmt von Jean-Luc Godard. Und die guten Geister aus Thailand. Christiane Peitz

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