Kultur : Geisterstunde

Barenboims Staatskapelle gratuliert Mozart

Christiane Peitz

Die Musik fängt nicht an, sie ist einfach schon da. Der berühmte weiche Bogenstrich der Staatskapellen-Streicher bettet Mozart ein in den Fluss der Zeit, entreißt ihn nicht ihrem Kontinuum, sondern gesellt sich ihm zu, bei laufender Fahrt. Jede Melodie ein fragiles Papierschiff, das Daniel Barenboim behutsam auf die Wellen setzt. Die Winde sind lind an diesem Abend, dem ersten Konzert an der Lindenoper zum 250. Mozart-Geburtstag; das zweite folgt am 25. Januar.

Barenboim ist sichtlich erkältet, aber kein bisschen verschnupft. Mit der Sinfonie Nr. 39 Es-Dur macht er dem Komponisten eine zärtliche Liebeserklärung: Hommage an einen, der uns so vertraut ist und doch wie aus weiter Ferne heransegelt. Lasst uns sorgsam mit Mozart umgehen, bittet Barenboim gleichsam, wir haben uns seinen wohligen Klängen schon viel zu sehr angebiedert. Also Vorsicht, bitte. Er nimmt die Dynamik noch mehr zurück, hält inne, ziseliert selbst Floskeln zu wundersam rankenden Ornamenten aus und lässt den frei schwingenden Phrasen Luft zum Atmen. Mozart unter dem Sauerstoffzelt.

Ein Balanceakt wird auch das Klavier-Doppelkonzert Es-Dur, für das Barenboim sich an den Flügel gegenüber von Radu Lupu setzt: nicht zu satt der Sound und auch nicht zu duftig, nicht zu majestätisch der barocke Pomp, aber auch nicht zu cool, nicht zu steif die Phrasierung und doch mit stetigem Puls. Die Paare drehen sich im festlich geschmückten Ballsaal, während Mozart die Schwerkraft der Brokat-Gewänder aufhebt. Und die Dreiklänge gehen miteinander auf dem Hochseil spazieren.

Radu Lupu und Barenboim spielen wie die Kinder: Pingpong mit Seifenblasen. Barenboim dribbelt, Lupu kontert eine Spur markanter. Ein kindlich-weises, im Andante innig in Terzen scherzendes, im Rondeaux spitzbübisches Zwiegespräch unter Freunden. Das Schlichte ist oft das Schwerste.

Dann beginnt die Geisterstunde, mit zwei Zugaben vor der Pause: Andante und Finalsatz aus Mozarts D-Dur-Sonate KV 448 für zwei Klaviere. Den langsamen Satz verwandeln die beiden Pianisten in eine regelrechte Séance, ein Traumspiel aus dem Jenseits, worauf im Allegro prompt der Schalk um die Ecke schielt. Barenboims Schultern zucken, Radu Lupu kitzelt die Komik des Klassikers hervor, selbst die Orchestermusiker beginnen zu kichern. Mozart, das kleine Nachtmusikgespenst, schneidet Grimassen zu seinen Geburtstagsfeierlichkeiten.

Darauf einen Jahrgangs-Champagner: Die Jupiter-Sinfonie nimmt Barenboim routiniert. Wieder lässt er sich Zeit, schlägt elegante Bögen, federt die Dramatik sammetweich ab. Kein Widerhaken, nirgends. Die kleine Insel der Seligen, unmittelbar vor der Coda: verschenkt. Wer schon im Paradies ist, sehnt sich nicht mehr nach Engeln.

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