Kultur : Geistiger Rollsplit

Hauen, Stechen, Lieben am Renaissance-Theater: Ben Becker in der Beziehungsfarce „Dreier“

Ulrich Amling

Sie gurren in Scharen vor seinem Balkon. Ihr Umeinanderturteln weckt seinen Ekel. Tauben leben in stabilen Paarbeziehungen, die ein Leben lang halten. Wahrscheinlich hasst sie der Liebhaber deshalb so. Wenn die Geliebte nicht da ist, geht er zum Kühlschrank und schmiert eine tödliche Paste auf Pumpernickelscheiben. Die toten Tauben kickt der Liebhaber dann auf den Balkon der Biologielehrerin, die unter ihm lebt, bis zu 20 Stück an einem Tag. Sicher ist die Frau allein stehend.

Eine karge, zynische Mittelstandswelt öffnet sich mit Jens Roselts „Dreier“ auf der Bühne des Renaissance-Theaters. Hier, wo man sich in der Berliner Marktnische eines gehobenen Boulevards ganz komfortabel eingerichtet hat, weht plötzlich eine unerwartet steife Brise. Denn was so sehr nach klassischer Lustspiel- Konstellation klingt und beim Hechten ins oder unters Bett so stark den Schwank zitiert, ist eine frostige Installation für drei Herzen im Winter. Auf das glatte Parkett der Konversation, über das Yasmina Rezas Komödien immer wieder wunderbar in abgründige Regionen schlittern, hat Roselt intellektuellen Rollsplitt geschippt, bergeweise. Den klassischen Boulevard hält der Autor, Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ der Freien Universität Berlin, für schlicht unpassierbar.

„Was wollen die Leute hören?“, fragt sich sein Personal immer wieder auf der Bühne. Die zwei befreundeten Männer, Ehemann und Geliebter, Staatsanwalt und Augenarzt. Die Frau, Gattin und Geliebte, Fernsehjournalistin. In diesem „Dreier“ sucht jeder nach einem Text, der eine Brücke sein könnte, zum Anderen, zur Welt. Das geht weder flott noch frivol über die Rampe, eher brütend und manchmal auch brachial. Wer trägt die Verantwortung dafür, dass jetzt, nach über zwei Jahren, das außereheliche Verhältnis gleich einer Farce auffliegt? Der Ehemann (Max Hopp) steht vor der nächtlichen Tür, die Gattin (Naomi Krauss) flüchtet unters Bett, und Ben Becker, der Liebhaber, versucht mit grausamer Offenheit, einen Ausbruch der Komödie zu verhindern. Strähnig kleben ihm die Haare im bleichen Gesicht, der Pullover spannt über dem Bauch, seine schleichenden Bewegungen gleichen einem Boxer, der keinen Ring mehr weiß, in den zu steigen sich noch lohnen könnte.

Trotzdem, Vampire sind sie allesamt, Vampire des eigenen Lebens. Aber ihnen schießt beim Verrat kein Blut mehr ein, keine Eifersucht rötet ihre Wangen, der Geruch der Liebe macht sie nicht schwanken. Dafür kokettieren sie mit Amokläufern und Rattenvergiftern, Nazis und Narren. Sie hantieren mit dramaturgischen Ausflüchten, um aus ihrem schalen Elend zumindest noch ein well made play herauszukitzeln. Am Ende ist der Ekel so groß, dass man sich selbst das Taubengift reicht.

Tina Engel hat bei ihrer ersten Berliner Regiearbeit gar nicht erst versucht, Gegengewichte zum kalten Studiencharakter von „Dreier“ zu finden. So bleiben ihre Schauspieler Schablonen auf einer Schreibtischplatte des theaterwissenschaftlichen Sonderforschungsbereichs. Ben Beckers eruptiv-unbändiges Potenzial, von dem man sich nach längerer Bühnenpause fragt, ob er es über die 40 hat retten können, blieb unberührt.

Es bleiben 75 Minuten Unlustspiel. Und so wird sie nach drei „Dreier“-Monaten nur noch weiter gewachsen sein – die Sehnsucht nach einem hauptstädtischen Boulevard mit Esprit und Eleganz.

Wieder am 15.–19. Februar, sowie am 22.–26. Februar

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