Kultur : Geistreiches Getränk

JÖRG KÖNIGSDORF

Die Neuköllner Oper spielt Donizettis "Liebestrank"VON JÖRG KÖNIGSDORFVorsicht! Wer nach tenoralem Stimmschmelz à la Big P.schmachtet, ist bei dieser "musikalischen Drogenberatung" an der falschen Adresse.Den kann und will die Neuköllner Oper in ihrer Adaption von Donizettis "Liebestrank" auch gar nicht bieten.Das Inszenierungsteam um Regisseurin Adriana Altaras reduziert das heitere Melodrama statt dessen auf sein musikalisch-erzählerisches Grundgerippe, wirft entschlossen allen Chor-, Orchester- und Dekorationsprunk über Bord.Fünf Sänger, ein Klavier und eine Minibühne, die vor allem leer ist - mehr braucht es nicht, um die Überlebenskraft des eindreiviertel Jahrhunderte alten Stücks unter Beweis zu stellen.Adina, Gianetta und die anderen lümmeln da herum wie brandenburgische Kiddies vor der dörflichen Imbißbude und beschäftigen sich mit ihren albernen Teenieliebeleien.Motorradmacker Belcore schindet mächtig Eindruck, den schüchternen Softie Nemorino nimmt keiner so recht ernst. Eine Geschichte wie aus einem Bravo-Fotoroman.Die bleibt durchgehend spannend dank eines exzellenten Type-casting - und weil Altaras ein klamaukiges Überreizen der Einzelgags vermeidet.Dieser "Off-Liebestrank" funktioniert erstaunlicherweise ohne brutale Eingriffe in Text und Musik.Das Sängerensemble, so gut wie selten an dieser Bühne, kann die Arien ohne Transpositionen singen, Robert Naßmacher sorgt am Klavier für stummfilmhafte Dramatik und instrumentalen Witz.Selbst da, wo man (tolerable) Abstriche an Stimmqualität machen muß, wie bei Hartmut Kühns Nemorino, halten schauspielerisches Talent und vorbildliche Textverständlichkeit der witzigen Neufassung von Wolfgang Böhmer die Komödie im Fluß.Fazit: Eine komische Oper, bei der man ausgiebig lachen kann - wo gibt es das sonst noch in Berlin? Wieder am 11., 15.und 16., sowie 22.und 23.April, jeweils um 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben