Kultur : Geklauter Yen

Forum (1): „The Blessing Bell“ des japanischen Kultregisseurs Sabu

Silvia Hallensleben

Ein fast verlassenes Fabrikgelände, in der Luft liegt noch der harte Sound der Industrie. Bahngleise führen ins Nichts. Die Kamera folgt ihnen, dann einem einsamen Mann, der gleichmäßig und bedächtig geht. Nur in seinem Kopf muss es heftig und gewaltsam arbeiten. Erinnerungen? Rachefantasien? Irgendwann dann die Straße, Menschen, ein Bus fährt vorbei. Doch Igarashi läuft weiter, in die große weite Welt hinein. Was ihm geschehen ist? Schön war es jedenfalls nicht. Was ihm geschehen wird? Alles ist möglich.

Der japanische Regisseur Sabu hat sich bisher eher als Kultfigur für ein junges Publikum einen Namen gemacht. Seine mit betont trashiger Geste hingerotzten Comic-Strip-Geschichten (zuletzt „Monday“) waren jedermanns Sache nicht. „The Blessing Bell“ ist von der Idee her nicht weniger durchgeknallt, doch Ton und Tempo haben sich geändert: Aus dem Klassenclown ist ein ausgereifter Melancholiker geworden.

Protagonist Igarashi ist ein japanisches Hänschen-Klein. Arglos stapft er los und stolpert in die vom Erzähler vorbestimmten Fallen: eine unschuldige Verhaftung, ein schwerer Verkehrsunfall, ein unverhofft zugefallener Lotteriegewinn in Form einer goldenen Einkaufstüte, prallvoll mit Yen. Doch die wird ihm gestohlen, ausgerechnet von der nettesten Frau der Welt.

Igarashi stapft unerschrocken weiter. Stadtlandschaften und U-Bahnhöfe werden in breiten Tableaus vor uns ausgebreitet, auf denen Sabu seine liebevoll ausstaffierten Statisten vorbeiparadieren lässt: Die Kausalitäten sind simpel und überzeugend. Sabu spielt dabei mit vertrauten Bildern des Kinos ebenso wie mit dem überraschenden Schock. Vom Unfall hören wir nur den Knall. Blumentöpfe fliegen effektvoll ins Off. Und wenn Igarashi mit einem verblutenden Yakuza am Uferstrand sitzt, taucht bestimmt sofort der notwendige Polizist am Bildrand auf. Der Ton ist ebenso lakonisch, auch weil unser Held nicht vor Redseligkeit birst.

Andere reden dagegen schon: von Verzweiflung, vom Alleinsein, vom Sterbenwollen. Kalt und einsam sieht es aus in Sabus Japan. Doch aus der Nacht kommt der Morgen. Und plötzlich sieht alles ganz anders aus, sagt man. In diesem Film geschieht dieses Wunder wirklich: Die Sonne steigt aus dem Meer, und die Gitarren schrammen Akkorde dazu. Oder ist es doch nur die Perspektive, die sich ändert? Ganz ohne erzähltechnische Prätention, mit fast dreister Schlichtheit, stellt dieser Film die Frage nach Notwendigkeit und Freiheit. Und erzählt dabei auch von der Lust am Erzählen und am Erzähltbekommen.

Heute 21.45 Uhr (Delphi), morgen 17.30 Uhr (Arsenal) und 22 Uhr (Cinestar 8), Montag 17.30 Uhr (Babylon)

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