Kultur : Geld geht vor Liebe

J.R. Moehringer erzählt ein Bankräuber-Leben.

Friederike Höll

Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte Francis Sutton hinter Gittern. Mehrmals brach er wieder aus, das FBI setzte ihn auf seine Most-Wanted-Liste. Sutton ist der populärste Bankräuber der US-Geschichte. Aus den Tresoren von über 100 Banken erbeutete er zwei Millionen Dollar. Berühmt wurde „Willie, the Actor“, so sein Spitzname, nicht zuletzt durch seine clevere Vorgehensweise. Mit künstlichen Bärten und in Uniformen überfielen er und seine Komplizen die Banken.

Mit „Knapp am Herz vorbei“ hat sich nun der amerikanische Bestsellerautor J.R. Moehringer („Tenderbar“) dieses Bankräuber-Lebens angenommen und es fiktiv angereichert. Ein ausführliches Exklusivinterview, das Sutton nach seiner Entlassung 1969 gab, strukturiert Moehringers Roman. Darin hatte Sutton die bedeutsamen Stationen seines aufreibenden Daseins Revue passieren lassen.

In Form von Rückblenden erzählt Moehringer die tragische Lebensgeschichte des 1901 geborenen Bankräubers nach: eine unerträgliche Kindheit wegen zweier sadistisch veranlagter Brüder, dazu eine extrem unglücklich verlaufene Liebesbeziehung. Tatsächlich ist „Knapp am Herz vorbei“ primär eine Liebesgeschichte. Ansonsten bilden die schwerwiegenden Folgen der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger und dreißiger Jahren den Rahmen für diese Mischung aus Biografie und Roman. Arbeits- und Obdachlosigkeit, Hunger und Armut bestimmen das Bankräuber-Dasein. Allerdings gelingt es Moehringer nicht, seiner Hauptfigur im Erzählkontext mehr Tiefe zu geben. Zum Beispiel erfährt man erst durch den Gefängnispsychologen, dass Sutton nicht nur intelligent, sondern „nachdenklich, verletzlich, wortgewandt, einfühlsam, ein genialer Geschichtenerzähler, ja, sogar äußerst reizvoll, verführerisch, charismatisch“ war.

Bei J.R. Moeringer aber erscheint der 1980 verstorbene Sutton wie das Stereotyp eines modernen Hollywood-Cowboys: harter Typ mit weichem Kern. Reitet mit zwei Millionen in der Tasche und einem gebrochenen Herzen dem Kittchen entgegen und kommt mit leeren Händen wieder hinaus. Francis Suttons wahres Leben ist eine fesselnde Geschichte – in „Knapp am Herz vorbei“ hat es mehr die Funktion eines sehr lockeren Lassos. Friederike Höll

J. R. Moehringer

Knapp am Herz vorbei. Roman. Aus dem

Amerikanischen von

Brigitte Jakobeit.

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013.

448 Seiten, 19,99 €.

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