Kultur : Geld her!

„Was braucht die Kunst?“ Eine Berliner Diskussion

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Für Außenstehende muss die Berliner Kunsthallendebatte wie ein seltsames Schaustück anmuten. Ein Bürgermeister nimmt 1,6 Millionen in die Hand, um der Gegenwartskunst ein Schaufenster einzurichten – doch statt sich zu freuen, wird in der Szene diskutiert und protestiert.

Nun handelt es sich tatsächlich um eine beispielhafte Farce aus der Hauptstadtkulturpolitik, allerdings aus anderen Gründen. Wowereit hat mit seiner „Leistungsschau“ sowohl die freie Szene wie die Ausstellungshäuser überfahren. Statt auf deren Expertise zu setzen, wurde ein Kuratorenteam ohne Rückhalt aus der Szene einberufen. Man wolle sich nicht vom Bestehenden beeinflussen lassen, wurde Gabriele Horn, Direktorin der Kunst-Werke, von der Kultursenatsverwaltung erklärt. Ein „Schlag ins Gesicht“, befand sie nun bei einer Diskussion im Berliner HAU, zu der die Zeitschrift „Zitty“ unter dem Titel „Was braucht die Kunst?“ geladen hatte. Ohne die Arbeit der unterfinanzierten Institutionen hätte die Berliner Gegenwartskunst ja gar nicht die „Kraft“ entwickelt, die die Politik nun zwecks Standortmarketing abschöpfen möchte – eine „ungesunde Vermischung“, so Angela Rosenberg von der Temporären Kunsthalle. Ein offener Brief gegen das Konzept der Leistungsschau fand 2600 Unterzeichner.

Es wurde ein Abend von Beckett’scher Qualität. Die Kuratoren hatten abgesagt, sie wollten ihre Arbeit nicht instrumentalisieren lassen. – was sie aus Sicht der Szene bereits getan haben. Thorsten Wöhlert, Sprecher der Kultursenatsverwaltung, spielte auf Aufschub: „Warten Sie mal die Ausstellung ab.“ – „Die Ausstellung interessiert uns überhaupt nicht!“, schallte es aus dem Publikum zurück.

Nachdem der Humboldthafen als Standort ausgefallen ist, soll „Based in Berlin“ nun vom 8. Juni bis 24. Juli in einem Ateliergebäude im Monbijoupark stattfinden – sowie in den KW, im NBK und der Berlinischen Galerie, die allerdings noch auf konkrete Vorschläge warten. Mit dem Schaufenstereffekt hat das Projekt seine zentrale Begründung eingebüßt. Die Szene ist fassungslos, dass die 1,6 Millionen Lottomittel nicht in nachhaltige Förderung gesteckt werden. Kolja Reichert

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