Kultur : Geld kann man erben, Geschmack nicht

Christina Tilmann

Wer in James Ivorys Film "The Golden Bowl" Nick Nolte als amerikanischen Mäzen und Millionär gesehen hat, erhielt eine Ahnung davon, was das Leben eines Kunstsammlers ausmacht: klares Kalkül, Hartnäckigkeit, Wagemut und ein unbeirrbarer Geschmack. Im Falle von Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza kam noch eine gehörige Prise James Bond hinzu: schöne Frauen, wilde Affären, Schlagzeilen und Erbstreitigkeiten. Zu seiner Sammelleidenschaft erklärte er einmal: "Gemälde haben im Vergleich zu Frauen einen Vorzug - man hängt sie an die Wand, und dort schweigen sie." In den letzten Jahren machte der ehemalige Playboy, der in fünfter Ehe mit der "Miss Spanien 1961" Carmen Cervera verheiratet war, hauptsächlich durch einen Millionenstreit mit seinem Sohn Georg Heinrich von sich reden. In der Nacht zum Samstag ist er im Alter von 81 Jahren in seinem Haus an der Costa Brava an Herzversagen gestorben.

Das Leben von Thyssen-Bornemisza ist eine Jahrhundertgeschichte, eine Mischung aus Buddenbrocks, Krupp und Viscontis "Verdammten". Der am 13. April 1921 bei Den Haag geborene Multimilliardär war der letzte herausragende Repräsentant einer Familie, die ein Jahrhundert lang zu den Mächtigsten in Europa gehört und an der Spitze eines Imperiums von Schwerindustrien gestanden hatte. August Thyssen, der Großvater von Hans-Heinrich, hatte 1871 den Grundstein zum Aufbau eines der größten deutschen Montankonzerne gelegt. Hans-Heinrich, dessen Mutter die ungarische Baronin Margit Bornemisza war, baute nach dem Zweiten Weltkrieg das Imperium neu auf. Als er 1950 die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm, musste er auf seinen Adelstitel verzichten, blieb aber dennoch immer der "Herr Baron".

Die Welt der Yellow Press mag ohne ihren "Heini" ärmer geworden sein - die Kunstwelt ist durch ihn um eine einzigartige Sammlung reicher. Das Sammeln von Kunst war bei Thyssens Familientraditionen: Schon Firmengründer August hatte mit einigen bei Auguste Rodin in Auftrag gegebenen Marmorskulpturen den Anfang gemacht. Die eigentliche Sammlung begründete Heinrich Thyssen, der Vater von Hans-Heinrich: Bis zu seinem Tode 1947 trug er eine außergewöhnliche Kollektion alter Meister zusammen, die er seit 1937 in der idyllisch gelegenen Villa Favorita am Luganer See zeigte.

Die Vorliebe des Sohns Hans-Heinrich galt eher der klassischen Moderne: Er erweiterte die Sammlung um hochrangige Werke des Impressionismus und der klassischen Moderne, aber auch verschiedener amerikanischer Künstler von Copley bis Lichtenstein. Thyssen war ein Sammlungs-Maniac mit fast unbegrenzter Finanzkraft. Er kaufte bis zu 100 Bildern pro Jahr und entwickelte seine Sammlung konsequent zum "Gotha der Malerei". Nach der der Privatsammlung der englischen Queen ist die auf 1,3 Milliarden Euro geschätzte Kollektion die wertvollste Privatkollektion der Welt.

Umso verständlicher, dass sich 1987 die Städte der Welt um sie rissen, als bekannt wurde, dass Thyssen Teile seiner Sammlung in eine Stiftung einbringen wollte. Nach langem internationalen Gerangel bekam schließlich Madrid für 560 Millionen Mark 1992 den Zuschlag - auf Betreiben von Thyssens spanischer Ehefrau. Seit 1992 sind 800 Spitzenwerke der Sammlung im "Museo Thyssen-Bornemisza" gegenüber dem Prado im Zentrum Madrids zu sehen.

In den letzten Jahren, in denen der schwer herzkranke Sammler mehr und mehr zum Pflegefall wurde, übernahm Carmen Cervera die Weiterentwicklung der Kollektion und konzentrierte sich in ihrer "Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza" auf spanische Malerei. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle mit beiden Sammlungen im vergangenen Herbst in Bonn wurde zum Publikumsmagneten. Doch obwohl Thyssen seiner 22 Jahre jüngeren Frau die Leidenschaft für Kunst und genügend Geld zum Ankauf vererbt hat - das sichere Auge und den untrüglichen Geschmack konnte er ihr nicht hinterlassen.

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