Kultur : Geld spielt eine Rolle

Erst Kunst, nun Design: Adam Lindemann hat einen neuen Leitfaden für Sammler geschrieben

Jens Müller
Kunst zum Besitzen. Joe Colombos Tube chair von 1969. Foto: Taschen / Courtesy: Wright
Kunst zum Besitzen. Joe Colombos Tube chair von 1969. Foto: Taschen / Courtesy: Wright

Die Wurzeln des Taschen Verlages liegen in der Comic-Sammlung von Benedikt Taschen. Die Zielgruppe des Verlages sind popkulturell faszinierte Autodidakten wie der Verleger selbst. Viele der Bilderbücher haben buchstäblich Gewicht, nichts läge gleichwohl ferner als die Befürchtung, sie könnten die Leser der meist knappen Texte mit wissenschaftlicher Schwerfälligkeit langweilen. Bedenkenträger haben in der Welt des Benedikt Taschen nichts verloren.

Nun hat er ein Buch publiziert, dessen handliches Format ohne Umweg über den Coffee Table in jedes Bücherregal passt und dessen tiefblau glitzernder Rücken jede bibliophile Kostbarkeit im Umkreis mehrerer Regalmeter souverän überstrahlt. „Collecting Design“ heißt das Werk von Adam Lindemann. Letzterer beschert Kennern des Taschen-Programms ein déjà vu: 2006 erklärte Lindemann in „Collecting Contemporary“, wie man zeitgenössische Kunst sammelt. Vier Jahre sind vergangen, in denen Lindemann nicht untätig war: Er kauft nun auch mit Begeisterung Design.

Für die Kunst bekannte sich der Autor seinerzeit umstandslos zu jener Schule des Sammelns, wie sie auch die Zeitschrift „Artinvestor“ propagiert: Der Wert eines Werks bemisst sich ausschließlich nach seinem monetären Wert. So ist nun auch profanes Produktdesign nicht nicht geeignet, sein Interesse zu wecken: „Die Designwelt hat mich früher nie richtig interessiert. Als reine Investition war Kunst immer vielversprechender.“

Lindemanns Künstler-Helden heißen folgerichtig Damien Hirst, Jeff Koons, Takashi Murakami und Richard Prince. Ihre Namen fallen bezeichnenderweise auch jetzt und lassen ahnen, welchem Design Lindemanns Interesse gilt: „In diesem Buch geht es vor allem um Möbel des 20. Jahrhunderts, die von Händlern und Auktionshäusern geschätzt und von Sammlern begehrt werden.“ So kommt es, dass Lindemann gewiss ein eifriger Besucher der „Design Miami“ ist, ihm die Sammlungen der Museen aber suspekt bleiben: „Das MoMA in New York beispielsweise sammelt und zeigt nur massenproduzierte Designstücke, und das schließt von vornherein die Hälfte aller Arbeiten in diesem Buch aus!“ Das gibt Lindemann nicht weiter zu denken, er schließt seinerseits die Museen aus seiner Typologie der „Protagonisten“ aus, die in seinem Buch zu Wort kommen sollen: Designer, Sammler, Händler, Trendsetter, der Auktionsexperte. Ausgerechnet die Designer schmeißt Lindemann aber gleich wieder – und wie zuvor die Künstler in „Collecting Contemporary“ – über Bord; was sie zu sagen hätten, interessiert nicht. „Die meisten von ihnen sind besessen und gehen völlig in ihrer Arbeit auf. Ihre Sicht auf andere Designer ist ein Künstler-Blick, geleitet von persönlichen Gefühlen oder Sympathien.“

Unter den vier verbleibenden Protagonisten hat Lindemann „dem“ Händler am meisten Platz eingeräumt. Vielleicht hat diese Gruppe die ihr angetragene Möglichkeit der Eigenwerbung auch nur am konsequentesten genutzt. „Collecting Design“ zählt neben Lindemann 29 weitere Autoren. Darunter honorige und illustre Namen wie der Zürcher Galerist Bruno Bischofberger, der Sammler Ronald Lauder, die Modepäpste Marc Jacobs und Karl Lagerfeld. Unterm Strich lässt sich sagen, dass die meisten von ihnen Reflektiertheit und durch Studien und Recherchen in langen Jahren erworbene Sachkenntnis nicht in der gleichen Weise für entbehrlich halten wie Lindemann.

Wiederum selbst verfasst hat Lindemann ein Glossar, das dem Leser auf wenigen Seiten neben Termini wie „Garderobe“ oder „Sperrholz“ auch Design-Begriffe erklärt, die tatsächlich der Erläuterung bedürfen. Warum aber hält der Autor das „Bauhaus“ und die „Wiener Werkstätte“ für erklärungsbedürftig, während er der Ulmer Hochschule für Gestaltung keine Zeile widmet? Weshalb tauchen „Memphis“ und „Postmoderne“ auf, nicht aber „Radical Design“? Könnte es sein, dass der Autor selbst nicht allzu sicher mit den Begriffen umgeht?

Umso mehr bleibt freilich die Chuzpe zu bewundern, die es Lindemann erlaubt, sich allen künftigen Design-Sammlern als Ratgeber zu empfehlen. Seinem Buch hat er ein von dem Designer Carlo Mollino übernommenes Motto vorangestellt: „Alles ist erlaubt, solange es fantasievoll ist.“ Keine Frage, für Lindemann sind das mehr als leere Worte.

Adam Lindemann: „Collecting Design“. Taschen Verlag, 300 Seiten, 29,99 €.

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