Kultur : Geldwäsche: Das 50-Pfennig-Stück

Christian Schröder

Der Aufbruch nach Euroland ist auch eine Abschiedsreise. Zehn Tage haben wir an dieser Stelle unsere liebsten Urlaubswährungen gewaschen. Heute werfen wir einen letzten Blick in die einheimische Geldbörse. Morgen begrüßen wir die Münzen und Scheine von übermorgen.

1949 bekam man für fünfzig Pfennig noch sechzehn Brötchen, heute nicht einmal mehr zwei. Soviel zur Stabilität der D-Mark.

Das 50-Pfennig-Stück, für das man im Verlauf der bundesrepublikanischen Geschichte immer weniger Brötchen kaufen konnte, ist die ganzen Jahre über dasselbe geblieben. Eine Münze, aber auch: ein Kunstwerk. Auf der Vorderseite legt sich ein Ring mit der Inschrift "Bundesrepublik Deutschland" um die Ziffer "50", auf der Rückseite kniet eine Frau und pflanzt ein Eichenbäumchen. Sie trägt ein langes Kleid, unter dem ihr mädchenhafter Körper ganz verschwunden ist. Ein paar Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das im Nacken verknotet ist. Schuhe hat sie keine. Ein barfüßiges, seltsam alterslos wirkendes Wesen, halb Engel, halb Landarbeiterin.

Solche Frauen hat es damals überall in Deutschland gegeben. Man nannte sie "Trümmerfrauen", ihre Insignie war das Kopftuch. 1949 wollte die junge Republik zeigen, dass aus diesen Trümmern etwas Neues wachsen würde. Auch als nachgeborener Bundesrepublikaner durfte man jedes Mal, wenn man ein 50-Pfennig-Stück aus dem Portemonnaie zog, darüber staunen, wo der ganze Reichtum herkam: aus den Trümmern eines verlorenen Krieges.

Die "FAZ" hat die Frau vom 50-Pfennig-Stück ausfindig gemacht: in einer Seniorenresidenz in Oberursel. Sie heißt Gerda Jo Werner, ist 87 Jahre alt, trägt einen Herzschrittmacher und sitzt im Rollstuhl. Früher hat Frau Werner Aquarelle gemalt, als Kunstlehrerin gearbeite - und ihrem Mann Modell gestanden. Das 50-Pfennig-Stück war der letzte große Auftrag für Richard Martin Werner. Er starb im Oktober 1949, ohne je eine der Münzen in der Hand gehalten zu haben, die nach seinem Entwurf modelliert wurden. Der Bildhauer Werner lebte so wie die meisten anderen Deutschen auch: Er hat sich angepasst an die Zeiten. Nach seinem Studium bei Richard Scheibe schwenkte er nach 1933 auf die Produktion von Führer-Büsten und pathetische Standbilder um, die "Schreitende" oder "Stehende" hießen. Er stellte mehrfach auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" aus und zog dann in den Krieg.

Vom Heldenpathos der NS-Kunst ist beim 50-Pfennig-Stück nicht viel geblieben: Die Wangen der Baumpflanzerin sind vom Hunger ausgehöhlt, der Körper ist knochig, die knieende Haltung wirkt demütig. Gerda Jo Werner, die Frau auf der Münze, wird vom Verschwinden der D-Mark nicht viel mitbekommen. Sie ist verwirrt. Eine traurige Gewissheit am Anfang der Euro-Ära: Wir haben unsere Trümmerfrauen ins Altenheim abgeschoben.

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