Kultur : Geleert und gefedert

„Die Vögel“ nach Aristophanes in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Christoph Funke

Mit seiner Komödie „Die Vögel“ hat Aristophanes im Jahre 414 vor Christus nur den zweiten Preis erwischt. Ob die dramatische Dichtung allerdings nun, fast 2500 Jahre später, in der Version des Deutschen Theaters überhaupt zum Wettbewerb zugelassen worden wäre, ist höchst fraglich. Sören Voima (hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein Autorenkollektiv) rupft den Text, dass die Federn nur so fliegen. Sonst allerdings fliegt nichts. Gewichtig kommt die Geschichte von der Gründung eines Vögel-Staates zwischen Menschen und Göttern daher, mit aufgeblasenen, dröhnenden Predigten ins Publikum hinein.

Was ist denn nun noch von Aristophanes? Um die glanzvolle Utopie vom „Wolkenkuckucksheim“ kam Sören Voima nicht herum. Aber die Leichtigkeit und den Witz, mit dem der Staat der Vögel in der Komödie des Aristophanes gebaut, verteidigt und zum glanzvoll heiteren Erfolg geführt wird, will er offensichtlich nicht haben. Er behängt das ironische, geistsprühende Lehrstück über Demokratie und Tyrannis mit schweren Gewichten. Gegenwärtige Befindlichkeiten werden unter Zuhilfenahme von Goethe, Brecht, Marx und vielen anderen in die Geschichte gequirlt, bis der Brei sehr dick ist. Schlimmer als im ersten Teil, der noch einen Hauch Ironie hat, wird’s im zweiten. Da gibt es im Gartenverein die offensichtlich unverzichtbare Fernsehshow, Götterboten fahren mit wunderkerzensprühenden Kinderraketen gemächlich durch die Luft, und nach mancherlei Blitz und Donner kommt auch der Papst zu seinem Recht. Man hat ihm eine rostige eiserne Lore gebaut, die rüttelnd und polternd links neben den Zuschauern von oben herunter rasselt. Der Papst steigt aus, küsst den Kunstrasen und bleibt tot liegen. Weil aber das Gefährt teuer ist, unterliegt es einer ökonomischen Zweitnutzung. Es kommt noch einmal nieder, diesmal bestückt mit Herkules (und Riesenkeule), mit Christus (ans Kreuz geklammert) sowie mit einer primitiven Vorzeit-Göttin (samt prunkenden Brüsten).

Voima und die beiden Regisseure Christian Weise und Christian Tschirner sind sich einig darin, dass die Utopie vom anderen Gemeinwesen kaum noch als Scherz taugt. Wir wissen es ja besser. Und was sich Leute heute ausdenken, woher sie auch kommen, führt doch wieder nur zu Täuschung, zu Grausamkeit und der biederen, falschen, gierigen Idylle auf Gartenstühlen vor dem Plattenbau. Nein, wir lassen uns die Fadheit eines programmierten Alltags nicht nehmen, mag da herumflattern, wer will. Nun ginge eine solche Illusionslosigkeit ja noch an, wenn Martin Reinke (Schlauberger) und Christian Tschirner (Schönhoff) gewandt und flott, mit Überlegenheit und Witz den Utopieverlust komödisch zur Brust nehmen würden. Aber sie tun sich schwer, sehr schwer, besonders Reinke kommt über seine Lustlosigkeit nicht hinweg.

Und die schlägt auf das ganze Spiel durch. Obwohl neben den beiden Protagonisten und der glanzvoll singenden Winnie Böwe als Nachtigall Studenten des 3. Studienjahres der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch auf der Bühne stehen und mit Hingabe bei der Sache sind. Sie tragen die phantastischen Vogelköpfe (Kostüme Ulrike Gutbrod) so, dass charakterliche Vielfalt anschaulich wird. Sie verwandeln sich, sie schreiten, trippeln, staken, schlurfen, springen über die Bühne, beweisen gestischen Einfallsreichtum und tadellose Disziplin. Und doch bleibt die Erdenschwere. Mit „honigsüßengesangausströmenden“ Lobliedern (Aristophanes) kann der Rezensent nicht dienen.

Nächste Aufführungen am 26. und 30. Dezember 2003 und am 3. und 18. Januar 2004.

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