Kultur : Gelegenheit macht Diven

Makellos schön: Anna Netrebko legt ihre zweite CD vor – und kommt in die Berliner Waldbühne

Frederik Hanssen

Diesmal hat sich die Deutsche Grammophon einen besonders raffinierten Werbetrick einfallen lassen: Das neue Album von Anna Netrebko wird den ganzen August über deutschlandweit ins Bordprogramm der ICE-Züge eingespeist. Ohne einen Cent extra zu zahlen, kann man sich während der Zugfahrt die gesamte CD anhören. Dabei, so hoffen die Marketingexperten, soll die Lust immer größer werden, diesen Best of belcanto-Mix sofort für den häuslichen Gebrauch zu erwerben. Schon allein, weil man auf die Fotostrecke im Beiheft neugierig ist.

Mit einem wohl noch nie gekannten Promotion-Aufwand ist die junge russische Sopranistin von ihrer Plattenfirma in die Medien gepresst worden. Kein Lifestyle-Magazin, keine Frauenzeitschrift, in der nicht die rührende Geschichte von der kirchenmausarmen Studentin auftauchte, die sich ihren Gesangsunterricht mit einem Putzjob im St. Petersburger Opernhaus verdiente – und dabei von Maestro Valery Gergiev entdeckt wurde. Dass Anna Netrebko so toll aussieht, hat dabei die Macher der bunten Blätter besonders erfreut. Kein Wunder, dass die Deutsche Grammophon sofort eine DVD mit Opernhit-Videoclips nachschob und nun auch das zweite Arien-Potpourri „Sempre libera“ optisch aufbrezelt wie ein Pop-Album: „Anna Netrebko ist dressed by Escada.“ Wer sie auf rassige Russin mit lackschwarzer Lockenmähne gestyled hat, verrät das Booklet allerdings nicht, ebenso wenig wird preisgegeben, wer die Idee mit den Fotos in Maria-Callas-Pose hatte.

Mit der griechischen primadonna assoluta allerdings will sich die 33-jährige Russin gar nicht verglichen wissen, wie sie in einem Interview zu Protokoll gab. Das wäre auch mehr als vermessen. Denn Anna Netrebko ist derzeit nicht mehr als ein Versprechen, eine technisch brillante Koloratursopranistin, die noch auf dem Weg ist, sich als Künstlerin zu finden. So wie sie auf ihrer neuen CD singt, bleibt sie eine virtuelle Diva, eine Lara Croft des Opernbusiness. Ihre „Traviata“ klingt so selbstkontrolliert, als wäre sie die knallharte Chefin einer florierenden Freudenhaus-Holding, ihre „Sonnambula“ kennt im Jubel nur Berechnung. Was Anna Netrebko fehlt, ist Wahrhaftigkeit. Weil sie nicht bereit ist, beim Singen Risiken einzugehen, sich emotional in ihre Rollen zu stürzen. Sie managt ihre Töne, nutzt die Koloraturen nicht als Botenstoff für Gefühle, sondern belässt es bei vokaler Dekoration. Makellose Schönheit aber ist eben immer etwas langweilig.

Dass die Deutsche Grammophon ihrem Star für die Aufnahmesitzungen Claudio Abbado zur Seite gestellt hat, ist in diesem Fall kein Vorteil. Der hochgeschätzte Maestro ist als Charakter zu intellektuell, um die junge Russin zu rückhaltlosem Engagement bei Bellini und Donizetti verleiten zu können. Allein in der Szene der Desdemona aus Verdis „Otello“, auf Abbados Vorschlag in die Auswahl aufgenommen, wird das Potenzial dieser Sängerin spürbar, sich von der blendenden Erscheinung zur anrührenden Interpretin zu entwickeln. Zart und zerbrechlich wirkt Anna Netrebko hier, von Abbado und dem hervorragenden Mahler Chamber Orchestra auf feinnervigen Händen getragen.

Für ihr Berlin-Debüt hat sich Anna Netrebko in aller Bescheidenheit gleich die Waldbühne ausgesucht. Am 28. August bittet sie für Preise zwischen 26 und 66 Euro gemeinsam mit dem Tenor Marcelo Alvarez und dem Deutschen Symphonie-Orchester zur „Italienischen Nacht“ unter freiem Himmel. Ermäßigungen für Netrebko-süchtige ICE-Fahrgäste gibt es leider nicht.

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