Kultur : Gelehrte Spielchen

KATRIN BETTINA MÜLLER

Seit die Zentralperspektive mit der Kunst der Renaissance zur Norm wurde, arbeiteten Künstler auch mit ihrer Verzerrung.Das berühmteste Beispiel ist Hans Holbeins Bild "Die Gesandten" (1533), das vor dem Doppelporträt eines Botschafters und eines Bischofs eine eigentümlich längliche Form zeigt.Erst wenn man schräg unter das Bild tritt, läßt sie sich als Totenschädel erkennen.Das war mehr als ein virtuoses Kunststück, mit dem Holbein seine technische Souveränität bewies: Die Durchbrechung der Illusion verriet ein Bewußtsein von der Konstruktion dessen, was als Realität wahrgenommen wurde.Mochte dieses Bekenntnis von der Scheinhaftigkeit des Wirklichen auch religiös motiviert sein, die Wiederentdeckung der anamorphotischen Verzerrung in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts geschah im Zeichen des Dekonstruktivismus.

Ende der 60er Jahre begann auch der holländische Künstler Jan Dibbets mit seinen "Perspektivkorrekturen".So nannte er ein Foto seines Ateliers mit einem auf die Wand gezeichneten Quadrat.Da die Linien des Zimmers nach hinten wegfluchteten, das Quadrat aber bildparallel stehenblieb, mußte der Zeichner die perspektivische Verkleinerung vorweggenommen und korrigiert haben.

Dieses Spiel mit realem und vorgestelltem Blickwinkel setzt Dibbets bis heute in Fotografie, Malerei und Zeichnung fort.Dabei hat er sich immer mehr auf das Motiv des Fensters konzentriert.Seine neuen Arbeiten bei in der Galerie Hohenthal und Bergen haben alle die Fotografie eines rundes Fensters als Kern, mal ein barockes Ochsenauge mit tiefer Laibung und illusionistischer Architekturmalerei, mal ein vergittertes Rund aus einem modernen Stahlbetonbau.Die Hängung der runden und elliptischen Fotos suggeriert eine Wiederholung der Perspektive der Aufnahme: Von unterhalb der Bilder blickt man in den Himmel, hängen sie in Augenhöhe, schaut man auf die Stadt.Einige Fotos sind in graugemalte Leinwände eingelassen, denen viele Schichten von Wasserfarbe eine eigene Tiefe verleihen.So wird wieder eine bildparallele, wenn auch abstrakte Wirklichkeit mit der perspektivischen Verzerrung zusammengebracht.

Doch über den Charakter eines Lehrstücks über die Perspektive kommen die Arbeiten, die zwischen 3000 DM für eine Fotografie aus einem Portofolio und 70 000 DM für die großen Bilder angeboten werden, nicht so recht hinaus.Ihr Versuch, die Normen der Wahrnehmung aufzubrechen und zu hintergehen, bleibt in der Wiederholung stecken.

Galerie Hohenthal und Bergen, Fasanenstraße 29, bis 16.Januar; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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