Kultur : Gelesenes Wort, getanztes Befinden

STEFFEN BURKHARDT

Szenische Interpretation der Briefe von Louise Jacobson im carrousel Theater an der ParkaueVON STEFFEN BURKHARDTParis 1942.Louise ist 17.Ihre ältere Schwester, die gegen die deutschen Besatzer in der résistance tätig ist, wird in der Elternwohnung von der Gendarmerie gesucht.Doch sie ist längst untergetaucht.Die übereifrigen Gendarmen wollen nicht mit leeren Händen gehen, nehmen Louise und ihre Mutter mit.Ein Grund dafür ist schnell gefunden: Wo hat Louise den gelben Stern, den sie als Jüdin tragen müßte?!Die folgenden fünf Monate, die die letzten im Leben der Louise Jacobson sind, hat das carrousel Theater an der Parkaue anhand ihrer Briefe aus dem Gefängnis und dem Lager, in das die Gendarmerie sie einsperrt, auf die Bühne gebracht.Mit der von Conny Frühauf geschriebenen Theaterfassung der authentischen Briefe "Ihr Lieben, viel zu weit entfernten" hat Odette Bereska, Chefdramaturgin des Theaters, ihre erste Inszenierung realisiert.Auf der fast leeren Bühne - die einzigen Requisiten sind ein Stuhl und kantige, rostige Eisenstäbe, die das Eingesperrtsein des Mädchen unterstreichen -, läßt sie eine Schaupielerin und eine Tänzerin sich der Person Louises nähern und den Gedanken und Empfindungen des Mädchen nachspüren.Sie machen sich auf die Suche nach Louise, nach dem, was zwischen den Zeilen der Briefe verborgen ist: zwischen den Träumen und Sehnsüchten, zwischen der Zuversicht und Hoffnung, die den "Lieben, viel zu weit entfernten" Mut machen sollen.Ihre Mitteilungen bewegen nicht durch große theatralische Darstellungen grausamer, schockierender Szenen - wie in vielen anderen thematisch ähnlichen Stücken -, sondern durch die Schilderung eines fast normalen Lebens, das Louise hinter Stacheldrähten führt: Im Lager Drancy, wo französische Juden vor der Deportation in den Osten zusammengepfercht werden, geht das Mädchen zur Schule, verabredet sich mit Freunden, macht sich hübsch zurecht - und doch ist es der Vorhof des Todes.Die von der Schauspielerin Grit Riemer gut vorgetragenen Zeilen an die Familie werden mit Louises Leiden unter der Isolation konfrontiert, von denen sie in den Briefen kaum etwas andeutet.Die Tänzerin Elisabeth Kahn setzt in sich wiederholenden und steigernden monotonen Handlungsabläufen die Verzeiflung des eingesperrten, von den geliebten Menschen getrennten Mädchens eindrucksvoll in Szene.In der Gegensätzlichkeit zwischen vorgelesenem Wort und getanztem seelischen Befinden liegt die Stärke des Stückes.Selbst als Louise von ihrem Transport von Drancy nach Auschwitz erfährt, bittet sie - in ihrem letzten Brief - den Vater, der in einem anderen Lager internierten Mutter nichts davon zu berichten, um ihr nicht die Hoffnung auf ein Wiedersehen zu rauben.Am Ende des Stückes verlassen Schauspielerin und Tänzerin die Bühne.Was bleibt, sind die rostigen Eisenstäbe, der Stuhl und die darauf liegenden Briefe.Durch sie die Erinnerung an einen der 80 000 aus Frankreich deportierten jüdischen Menschen aufrechtzuerhalten, ist ein wichtiges Ziel des Stückes, das zu sehen gerade in einer Zeit des Wiederauflebens von nazistischem Gedankengut wichtig ist. carrousel Theater, Parkaue 29.Weitere Aufführungen: 15.März, 19 Uhr; 16.März, 10 Uhr 30 Uhr; 19.März, 18 Uhr.

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