Kultur : Gelichter der Vorstadt

Magisch: Der schwedische Film „Burrowing“ verbindet Terrence Malick mit H. D. Thoreau

Julian Hanich
Stets unterwegs. Jimmy (Jorgen Svensson) und sein kleiner Sohn. Foto: Arsenal Institut
Stets unterwegs. Jimmy (Jorgen Svensson) und sein kleiner Sohn. Foto: Arsenal Institut

Eine Vorstadtidylle, eine Vorhölle: Sebastian (Sebastian Eklund), spindeldürr und sommersprossig, streift gelangweilt durch die blitzsauberen Straßen einer Suburbia-Siedlung, im harmlosen Westen Schwedens. In den geordneten Gärten und beim Versteckspiel auf dem Spielplatz sucht der elfjährige Junge nach dem Kick, dem Angriff der Gegenwart auf die unvergnügliche Zeit. Vergeblich. Gelegentlich treibt es ihn daher zu sadistischen Streichen. Oder er flüchtet hinaus in den Wildwuchs der Natur.

Auch andere Figuren dieses Films, Männer aus Sebastians Wohngegend, trotzen der bestehenden Ordnung. Jimmy, der sein Kind auf dem Asphalt eines Supermarkt-Parkplatzes wickelt und damit eine Passantin verstört; Anders, der im Garten mit seinem mild-tyrannischen Rentnervater kämpft; Mischa, der die Fische im Bach der Siedlung mit einem Speer zu töten versucht. Immer wieder klettern diese Leute über Zäune und überspringen perfekt gepflegte Hecken. Und gelegentlich bricht Gewalt aus ihnen heraus. Bilder sind das für die Revolte gegen die nachbarschaftliche Beklemmung, für den Widerstand gegen die observierenden Blicke der Gemeinschaft.

Thematisch neu ist diese Mittelschichtkritik nicht. Doch die jungen schwedischen Regisseure Fredrik Wenzel und Henrik Hellström (Jahrgang 1978 und 1974) haben in ihrem 76-minütigen Debüt „Burrowing“ eine überraschende Pointe eingebaut: Ihre Kritik tragen sie ausgerechnet mit den ästhetischen Mitteln Terrence Malicks vor. Dass diesem enigmatischen Meisterregisseur von der ersten Minute an unverhohlen gehuldigt wird, wirkt angesichts der handelsüblichen Hitchcock-, Lynch- oder TarantinoEpigonen wohltuend.

Und so raunt Sebastian im Voice-Over Reflexionen über das Leben, ganz wie die junge Linda aus „Days of Heaven“. Ähnlich wie in „The New World“ oder „The Thin Red Line“ streifen Handkamera und Steadycam fasziniert durch wogendes Getreide oder sattgrün-archaische Wälder. In wunderschönen Aufnahmen zelebrieren sie die Natur als Ausweg aus dem Anpassungsterror – und sei sie ein Grab für die Ewigkeit. Auch Malicks Vorliebe für die amerikanische Romantik findet ihren Widerhall. Sebastian gibt lange Passagen aus den Hauptwerken des Transzendentalisten Henry David Thoreau wieder: Waren nicht auch „Walden“ und „Civil Disobedience“ Texte, die sich auflehnten gegen die bestehende Ordnung der Zeit? „My head is an organ for burrowing“, heißt es einmal in „Walden“: Mein Kopf ist ein Grabungsorgan.

Das mag mitunter an die Grenze zum Prätentiösen, vielleicht auch Naiven gehen – vor allem, wenn die in lateinischer Sprache dargebotenen Choräle überhand nehmen. Aber hier haben zwei Regisseure etwas gewagt. Und gelten fortan als Versprechen.

fsk am Oranienplatz

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