Kultur : Geliebte Feindin

Sabine Baumann

In Israel herrscht Krieg. Dass er aber nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern, sondern auch in den jüdischen Familien im In- und Ausland sowie zwischen scheinbar unzertrennlichen Freundinnen tobt, schildert Ronit Matalons Roman "Sara, Sara" auf zugleich alltägliche, poetische und oft genug auch komische Weise. Alles beginnt mit einem Abschied am Flughafen von Tel Aviv. Zwei Frauen, die einander einmal sehr nah waren, stellen fest, dass sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen aufgetan hat. Große Unterschiede empfanden sie schon immer. Ofra, Tochter einer allein erziehenden, auf Anpassung und Aufstieg bedachten sephardischen Putzfrau, hat sich zur zynischen Realistin entwickelt, während Sara, die aus einer wohlhabenden, konservativen aschkenasischen Unternehmerfamilie stammt, ihren politischen Idealismus hemmungslos ausleben kann. Ähnlichkeiten in Temperament und Aufsässigkeit gab es zwar, doch will keine von beiden sie im Nachhinein mehr eingestehen. Die Frage, ob sie vor einem endgültigen Abschied stehen, überschwemmt beide mit bitteren Erinnerungen. Denn aus der einstigen Liebe der beiden Mittdreißigerinnen, die schon seit der Schulzeit Freundinnen sind, ist eine geradezu feindselige Obsession geworden.

Ofra, die Erzählerin, fährt zur Beerdigung ihres an Aids verstorbenen Cousins Michel nach Paris. Sein letzter Besuch in Israel erscheint ihr in der Erinnerung auch als die letzte schöne Zeit, die sie mit der Freundin erlebt hat, obwohl sie schon damals in der von Matalon, Jahrgang 1959, mit viel Witz gezeichneten hochneurotischen Familie, bestehend aus Sara, ihrem Mann Udi und dem verzärtelten kleinen Sohn Emanuel, nurmehr ein störendes Anhängsel war. Nun sitzt die einst so attraktive Sara, vom Ehemann und vom Liebhaber verlassen, mit geschorenem Kopf und gebrochenem Herzen vor Ofra, laut Saras Liebhaber eine herrschsüchtige, rechthaberische alte Jungfer. Saras alter Vorwurf steht im Raum: "Wie du es immer verstehst, zwischen den Tropfen zu lavieren, ohne nass zu werden, Ofri, sagte sie." Die Erzählerin wehrt sich nur im Stillen: "Ich wurde nass, und wie. Sie hätte es doch wissen müssen."

Lebensgeschichte als Anklage

Bereits am Flughafen und später in Paris wird Ofra im Tumult der lärmenden Familienzusammenkunft von den Bildern ihres gemeinsamen Lebens heimgesucht. Sie setzt sie zusammen, weil sie den Grund für die Entfremdung sucht und weil Sara einmal sorglos dahingeworfen hat, die Freundin sei ihre Biographin. Später hat Sara freilich den Verdacht, und das ist charakteristisch für die paranoide Logik dieser Freundschaft, Ofra mache aus ihrer Lebensgeschichte eine Anklage und sammle in Wirklichkeit Indizien gegen sie. Nicht ohne Grund. Ofra gibt ihr tatsächlich die Schuld am Zerbrechen der Freundschaft. Die Vergangenheit lässt sich für die psychologisch und historisch bewanderte Matalon immer nur gegen Widerstände zusammenfügen, und dazu braucht man sowohl Sprache als auch Bilder. Während die studierte Kunsthistorikerin Ofra schon von kleinauf ein Talent zum Schreiben hatte und diese Begabung zum Beispiel als Verfasserin von Aufsätzen für die Mitschüler in den Dienst anderer stellte, fasst die große Selbstdarstellerin Sara ihre Erfahrungen als Fotografin in Bilder, veröffentlicht sie aber nicht immer.

Schon in ihrem vorigen Roman "Was die Bilder nicht erzählen" hat die Autorin das Portrait einer jüdischen Familie an ungewöhnlichen Orten der Diaspora aus dem Blick einer rebellischen, schwierigen jungen Frau auf dokumentarische Familienbilder entstehen lassen. In "Sara, Sara" sieht man die Bilder der Titelheldin durch Ofras voreingenommene, misstrauische Augen. Doch obwohl sie mit Saras politischem Aktivismus hadert und sie bezichtigt, selbst intime Gefühle in Propaganda-Floskeln zu übersetzen, und obwohl quälende Eifersucht ihr Urteil über Saras in der Tat hochproblematisches Verhältnis mit einem viel jüngeren Araber trübt, lässt Ronit Matalon mit großer Sprachkraft durchscheinen, was Sara gesehen haben kann. Oft wochenlang im Gaza-Streifen verschwunden, will Sara sich selbst verlieren, ihre privilegierte Herkunft verleugnen und begreift ihre Arbeit als Mittel im Kampf um politische Gerechtigkeit. "Ich hatte ein eigenartiges Gefühl in bezug auf mich selbst, sah eine Zukunft vor mir, die nicht ganz meine eigene war, aber in der ich mit Gewissheit sein würde", versucht sie der Freundin zu erklären. "Ich war völlig sicher: Egal, was ich tun würde und wie ich es tun würde - ich wäre einfach mitten drin."

Qual und Verzärtelung

Als Ofra und ihre Mutter Ines einmal von Sara in diese Welt mitgenommen werden, wird dieses Pathos sogleich in einer herrlich absurden Szene am Kontrollpunkt unterlaufen: Die streitbare Putzfrau setzt sich gegen angebliche Schikane zur Wehr, als es einer der Soldaten wagt, ihren Fahrer auf das Rauchverbot im Auto hinzuweisen. "Mitten drin" heißt mitten im historisch bedingten Konflikt. Und der fängt bei der Autorin in den Familienbeziehungen an: Kinder werden verzärtelt und überbehütet, Eltern quälen sich selbst und einander, die ältere Generation drangsaliert die Jüngeren mit Ansprüchen und Vorwürfen, die Jüngeren nehmen bei ihrem Aufbegehren auf keinerlei Empfindlichkeiten der vom Holocaust geprägten Generation Rücksicht.

Doch trotz aller Peinlichkeiten und familiären Katastrophen während der mitunter wenig feierlichen Beerdigungsfeierlichkeiten, durch die auch noch eine anarchische Katze leitmotivisch hindurchfegt, hält die Autorin mit einem frappierend natürlichen Erzählton und ungeheurem Sprachwitz die Hoffnung auf Frieden eine Weile lang aufrecht. Dass sie vorerst zunichte wurde, ist weder Ofras noch Saras Versagen. Bei aller harschen Kritik an der Unwirtlichkeit des Lebens in Israel lässt sogar Ofras bittere Geschichte zärtliches Mitgefühl für individuelles und historisches Leid aufblitzen. Und Saras Fotos sind, anders als sie selbst mit ihrer hysterischen Überspanntheit, von stiller Schönheit. Sie zeigen schlafende Menschen in den besetzten Gebieten, und auch wenn man sie nicht sieht, beschwören sie im Vergleich zu den heutigen aufgeregten Bildern der Gewalt eine unendlich melancholische Poesie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar