Kultur : Gellende Farben

Peter Herbstreuth

über den Hang zur Unsterblichkeit Mode ist die Luft, die der Markt des Zeitgenössischen am liebsten atmet. Zwar sprechen Galeristen und Künstler lieber vom „Trend“, aber wenn sie eine Welle in die Höhe trägt, genießen sie den Hippness-Faktor, bevor es wieder abwärts geht. Ohrabschneider waren zu allen Zeiten seltener als Halsabschneider. Die Gunst der Stunde gilt dem großen Retro-Sampling der Maler, und die Berliner Zwinger Galerie ergreift Partei: mit der Mode gegen die Mode (Gipsstraße 3; bis 4. September). Sie zeigt Bilder aus dem Nachlass des 1996 jung verstorbenen Künstlers Nikolaus Utermöhlen und betont, sie seien „nach wie vor zeitgemäß“ (Preise 1800–6000 Euro). Utermöhlen hatte früh Presse-, Kunst- und Pornobilder, Schmuckwerk und Physik-Modelle zu einem „unendlichen Gemälde“ verblendet und anschließend auf William Blakes „Vision des Jüngsten Gerichts“ bezogen. Giftgelbgrünfarbig mixte er Rokoko-Ornamente immer knapp am Kitsch entlang; aber eben nur knapp. Daraus entspringt ein interessantes Problem: Das Werk ist ohne Frage cutting edge, der Name des Künstlers nicht.

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Anders bei dem momentan sehr angesagten Künstler Martin Eder. Er hatte kürzlich in der Berliner Galerie Eigen + Art ganz zeitgemäß mit dem Titel „Nachleben“ gepokert und dazu supersüße Smartie-Bilder in gellenden Farben gezeigt – aber gegen den Trend an pechschwarzen Gruftie-Wänden. Jetzt wird seine Steigerung von der Berliner Galerie Rekord noch überboten. Sie versammelt Werke von zwölf jungen Künstlern (unter anderem Juliane Duda, Jana Franke, Matthias Kanter, Bodo Schlack und Wiebke Maria Wachmann) unter dem Titel „Für die Ewigkeit“ (Brunnenstraße 162; bis 25. August). In stiller Ironie steht hier der reinweiße Schriftzug „Virgin“ mit leuchtendroten Punkten im lichten Ausstellungsraum. Die Makellosigkeit von Schneeweißchen und Rosenrot lässt eine kunterbunte Wand mit Papierarbeiten wie eine Installation zum Thema Kinderzimmer-Ästhetik aussehen: ein weiteres Remix aus Medienquellen von Comic über Heimarbeit bis Lifestyle (Preise ab 300 Euro). Für die Ewigkeit? Hegel formulierte es zurückhaltender und meinte, die Nachwelt sei die nächste Messe.

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