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Gema : Wer kopiert, verliert

30.03.2013 17:04 Uhrvon
Die Gema - ist sie ein Clubkiller? Oder ist die Kritik an der Gema überzogen?Bild vergrößern
Die Gema - ist sie ein Clubkiller? Oder ist die Kritik an der Gema überzogen? - Foto: dapd

Kein Aprilscherz: Die Gema bittet ab Montag auch DJs zur Kasse – für digital vervielfältigte Musik, nicht für Vinyl oder CDs. Davon profitieren auch die Clubs, sie werden fürs erste entlastet. Berliner DJs kritisieren die neue Regelung, bei allem Respekt vor der Einhaltung des Urheberrechts.

Es ist verdächtig still geworden um eines der großen Aufregerthemen von 2012: die Gema-Tarifreform. Dabei geht’s jetzt erst richtig los. Seit dem 1. Januar sind die Tarife für Veranstaltungen mit Live- oder Tonträgermusik um fünf Prozent erhöht worden. Ab dem 1. April kommen nun nochmals zehn Prozent hinzu – immer ausgehend von den bisherigen Abgabenhöhen, die die Gema in Zukunft anders berechnen will. Dieser Plan war auf massive Kritik seitens der Clubs und Veranstalter gestoßen, weshalb derzeit ein Schiedsverfahren zwischen der Verwertungsgesellschaft und der Bundesvereinigung der Musikveranstalter beim Deutschen Patent- und Markenamt läuft.

Geprüft wird die Angemessenheit der geplanten Tarife, der Schiedsspruch wird in den nächsten Wochen erwartet – als Grundlage für die weiteren Verhandlungen.

Ein Detail hat das Patentamt als Aufsichtsbehörde der Gema jedoch schon vorab zurechtrücken lassen: Den geplanten Laptop-Zuschlag – zu entrichten von den Veranstaltern – wird es nicht geben. Stattdessen sollen jetzt die DJs selbst zahlen, wenn sie mit digitalen Kopien auflegen. Ab dem 1. April werden pro Song 13 Cent Lizenzgebühr fällig. Das gilt nicht für Original-CDs, Vinyl oder Stücke, die bei legalen Downloadportalen erworben wurden, sondern nur für digitale Vervielfältigungen wie etwa CD-Tracks, die auf eine Festplatte importiert wurden. Dabei ist es egal, welche Lieder an einem Abend tatsächlich gespielt werden, die Lizenzgebühr fällt für alle Kopien an, die aufgeführt werden könnten.

Wer einen Jahrespauschalvertrag abschließt, kann 2013 500 Kopien für 50 Euro lizensieren, in den nächsten beiden Jahren dann für 55 Euro. Alle vor dem 1. April angefertigten Kopien können für 125 Euro nachlizensiert werden, was allerdings nur in diesem Jahr möglich ist. Regelungen, die sich laut Gema aus dem Urheberrechtsgesetz ergeben. „Die DJs sind gesetzlich verpflichtet, sich bei uns zu melden und die Lizensierung ihrer Kopien vorzunehmen. Tun sie das nicht, sind sie schadensersatzpflichtig“, so Pressesprecher Franco Walther. Natürlich habe die Verwertungsgesellschaft nicht die Möglichkeit, in die Rechner der Discjockeys zu schauen, doch sie könne diese auffordern, eine Lizensierung nachzuweisen – notfalls mit einer Auskunftsklage.

In der DJ-Szene stoßen diese Neuerungen auf Ablehnung. Sascha Kösch, der unter dem Namen Bleed elektronische Musik auflegt und Mitbegründer des Berliner Fachmagazins „De:Bug“ ist, nennt den Vorgang „ein Possen-Meisterstück“, dem ein „surreal altmodisches Urheberrecht“ zugrunde liege. Er könne zwar grundsätzlich verstehen, dass auch die Discjockeys zahlen sollen. Die konkrete Umsetzung kann er aber nur nachvollziehen, wenn er sich „ganz tief in die Strukturen und Zwänge der Gema“ hineinversetzt.

Auch Radio-Fritz-Moderator und DJ André Langenfeld hält nichts von der Umstellung. „Ich bin irritiert, wie unverfroren einer ganzen Berufs- und Künstlergruppe, die noch nie mit einer ähnlichen Art von Tarif ,besteuert‘ wurde, ein noch nie da gewesener, schwer erklärbarer Tarif aufgedrückt wird,“ sagt er. Und zwar ohne Übergangs- und Aufklärungsphase. Besonders unverständlich findet er, dass für alle kopierten Tracks auf einer Festplatte bezahlt werden soll, unabhängig davon, ob die Musik eingesetzt wird. „Das ist so, als müsse eine Band nicht nur für das, was sie spielt, Gema-Gebühren bezahlen, sondern auch für alle Stücke, die sie im Repertoire hat,“ findet der Hip-Hop-Experte.

Der Berliner House- und Techno-DJ, Produzent und Musiker Oliver Koletzki ist grundsätzlich für den Schutz des Urheberrechts, also auch „für die Verwertung von Vervielfältigung und Aufführung“. Allerdings findet er den Schlüssel von 13 Cent zu hoch angesetzt, auch die Nachvergütung von pauschal 125 Euro hält er für ungerechtfertigt. Deshalb will er – wie die Mehrheit seiner Kollegen – sein Archiv erst mal nicht nachlizensieren. Koletzki denkt, dass sich die Neuerungen vor allem auf junge Kollegen negativ auswirken: „Mir tun die Newcomer-DJs leid, die – wie ich vor acht Jahren – 50 Euro pro Gig in einer Cocktailbar bekommen. Für die lohnt sich das finanziell gar nicht mehr.“

Franco Walther sagt, dass es für die Gema nicht möglich sei, Unterschiede zwischen Profi- und Gelegenheits-DJs zu machen. Zudem weist er darauf hin, dass die Änderungen zu „deutlichen Einnahmeverlusten“ bei der Verwertungsgesellschaft führen werden. Denn ab jetzt entfällt der pauschale Vervielfältigungszuschlag von 30 Prozent, den die Veranstalter bisher zu tragen hatten. Durch den 13-Cent-pro-Song-Tarif werde das längst nicht aufgewogen.

Die Clubs sind die Nutznießer dieses neuen Verfahrens. Ihr eigentlicher Kampf gilt jedoch weiterhin der Tarifreform, nach der abhängig von der Raumgröße, der Dauer und vom Eintrittspreis einer Party abgerechnet werden soll. Fällt die Schlichtung ebenfalls zugunsten der Clubbetreiber aus, hätten die DJs jedenfalls gute Argumente, demnächst eine Gagenerhöhung zu fordern. Nadine Lange (Mitarbeit: Nana Heymann)
Eine Podiumsdiskussion zum Thema „Viel Feind, viel Ehr? Die neuen Gema-Tarife – Kampfansage an DJs und Clubs?" findet am Dienstag, den 2.4., im Mitternachtstalk im Mikz statt (Revaler Str. 99).

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