Kultur : Gemalte Masern

Arkadien & Anarchie: Italiens Divisionismus in der Deutschen Guggenheim

Nicola Kuhn

Gift und Galle spuckte damals die Kritik, als die italienischen Divisionisten ihren ersten Auftritt hatten. Obwohl die Bilder in den Ausstellungssälen der Triennale di Brera 1891 in Mailand weit auseinander hingen, spürten die Besucher sogleich: Hier tut sich was, hier zeichnet sich ein Umschwung des nationalen Kulturguts Malerei ab. Prompt hagelte es von konservativer Seite Verrisse. Die vehementesten nannten die neue Technik eine Krankheit, das Symptom einer Degeneration: fiebrig und mit allen Anzeichen von Masern. Die Befürworter dagegen lobten gerade das Neuartige, den Aufbruch. Denn krank sei die italienische Malerei schon lange aufgrund ihrer Stagnation. Das Fieber deuteten sie als Zeichen der ersehnten Heilung.

Allerdings boten die jungen Künstler auch starken Tobak. Vor allem Emilio Longonis Gemälde „Der Streikbrecher“ erhitzte die Gemüter. Der Künstler wagte nicht nur mit dem traditionellen Malstil zu brechen, er nobilitierte auch noch ein Politikum durch die Darstellung als Gemälde. In der getupften Manier der französischen Neoimpressionisten, die Farbflächen in einzelne Pünktchen oder Pinselstriche auseinanderdividierten (daher die Bezeichnung Pointilismus oder Divisionismus), malte er jene berühmte Mailänder Szene vom 1. Mai 1890, dem ersten internationalen Tag der Arbeit. Den auf ein Baugerüst gekletterten Maurer hat es tatsächlich gegeben, ebenso die mit Bajonetten vorrückenden Soldaten und die als Blockade eingesetzte Tram.

Nicht nur die Zeitgenossen, auch heutige Betrachter irritiert es, wie eine flirrende, den Oberflächenreiz auskostende Malerei und ein explizit politisches Thema zusammenpassen. Exzellent, wie die Ausstellung in der Galerie Deutsche Guggenheim beweist, in der auch das bahnbrechende Werk Longonis hängt. „Arkadien & Anarchie“ ist die 36 Werke vereinende Schau überschrieben. Die Zusammenführung dieses Gegensatzpaares blieb in der Kunstgeschichte ein Unikum, die italienische Spielart des Pointillismus bis heute deshalb kaum einer eigenen Betrachtung wert. Die Deutsche Guggenheim begibt sich hiermit auf neues Terrain; nie zuvor ist den dortigen Neoimpressionisten außerhalb des Landes eine Sonderausstellung gewidmet gewesen. Als zu abseitig, zu epigonal waren ihre Werke bislang erschienen. Ein Irrtum, wie sich nun erweist.

Die Ausstellung ist ein Coup, denn sie katapultiert eine Stilrichtung nach oben, von der man eigentlich dachte, dass sich niemand mehr für sie interessiert. Pointillismus, das ist doch diese merkwürdige Kunst, die zu ihrer Zeit als Augenkrankheit diskreditiert wurde und noch heute vielen als Kuriosum gilt. Und doch hat die Rückkehr der Malerei, das wachsende Interesse junger Künstler am 19. Jahrhundert, die neue Sehnsucht nach geheimnisumwitterten Bildwelten auch für diese Richtung sensibilisiert. Vor allem in der Abteilung „Symbolismus“ wird man fündig für gefragte Motive der Gegenwart: eine Prozession weiß gekleideter Jungfern, Boote auf einem nächtlichen See oder Ringelreihn tanzende Kinder unter blühenden Bäumen.

Die inhaltliche, nicht die stilistische Entfernung zu Longonis Streik-Gemälde scheint unüberwindlich, ebenso wie zu Guiseppe Pellizza da Volpedos melodramatischem Bildnis eines Ertrunkenen oder zu Angelo Morbellis deprimierendem „Festtag im Altersheim“. Trotzdem sind beide thematischen Ausrichtungen vom gleichen Wunsch nach gesellschaftlichem Neuanfang geprägt – die eine hin zum Esoterischen, die andere gen Arbeiterrevolution. Die divisionistische Malweise erschien den Künstlern damals als das adäquate Medium: wissenschaftlich unterfüttert durch die neusten optischen und chromatischen Erkenntnisse, glaubten sie gerade dadurch die akademischen Fesseln hinter sich zu lassen und ihren Beitrag zur Revolution leisten zu können.

Wie viel Naivität dahintersteckt, ist in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Die divisionistischen Darstellungen des ländlichen Lebens wirken fern der Realität, vollkommen überzuckert. Die harte Arbeit auf dem Feld, das bittere Los von Reispflückerinnen erscheint als Vorwand für Spiegeleffekte auf der Wasseroberfläche und die Ansicht einer Reihe geschürzter Mädchenröcke. Auch wenn Angelo Morbelli als Titel agitatorisch darunter schreibt: „Für achtzig Cents!“

Die Wirkungsmacht der italienischen Divisionisten war ohnehin gering, mochten die konservativen Kritiker auch den Untergang der akademischen Malerei und damit der guten alten Zeit befürchten. Longonis „Streikbrecher“ kaufte am Ende ein Industrieller. Für echten Furor und nachhaltige Schocks sollten erst die nachfolgenden Futuristen sorgen. Sie betraten den ihnen Pünktchen für Pünktchen bereiteten Boden.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 15. 4.; täglich 11-20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog (HatjeCantz) 35 Euro.

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