Kultur : Gemeinsam an der Front

Der deutsch-französische Blick auf den Ersten Weltkrieg – und die Erinnerungen der Überlebenden

Ernst Piper
Somme, 1916. Deutsche Telefonisten im Ersten Weltkrieg. Foto: picture-alliance/imagestate/HI
Somme, 1916. Deutsche Telefonisten im Ersten Weltkrieg. Foto: picture-alliance/imagestate/HIFoto: picture-alliance / imagestate/HI

Am 1. Juli 1916 begann die Schlacht an der Somme. Binnen weniger Monate ließen dort 1,2 Millionen britische, französische und deutsche Soldaten ihr Leben. Als die Operationen Ende des Jahres eingestellt wurden, hatten die deutschen Kriegsgegner trotz des Einsatzes von 2,5 Millionen Mann einen Geländegewinn von weniger als zehn Kilometern erzielt. Von den schrecklichen Schlachten des Ersten Weltkriegs, die so unendlich viele Menschen das Leben kosteten, war die an der Somme die allerschrecklichste. Noch heute kommen zahllose Touristen hierher. Die Briten, die fast eine halbe Million Soldaten verloren hatten, ehren ihre Gefallenen durch die Niederlegung von roten Mohnblumen aus Papier. Erinnerungsrundfahrten führen zu den Gedenkorten. Zur Unterstützung dieses Tourismus wurde 1992 in dem kleinen Städtchen Péronne das „Historial de la Grande Guerre“ eröffnet, ein großes Museum, dem ein internationales Forschungs- und Dokumentationszentrum angeschlossen ist.

Die Leitung dieses Zentrums besteht aus französischen, britischen und deutschen Wissenschaftlern. Der Präsident ist zur Zeit Jean-Jacques Becker, einer seiner Stellvertreter Gerd Krumeich. Beide legen nun gemeinsam eine Darstellung des Ersten Weltkrieges vor. Dass es heute möglich ist, dass ein deutscher und ein französischer Historiker sich auf einen gemeinsamen Text über dieses Generationen traumatisierende Ereignis verständigen, ist ein bemerkenswertes Ereignis. Es zeigt, wie weit die deutsch-französische Erbfeindschaft, die das Verhältnis der beiden Nationen so lange belastet hat, inzwischen hinter uns liegt. Die Autoren schreiben selbst, dass es für die Historiker nicht leicht war, die Geschichte der jeweils anderen Nation zu verstehen. Erhebliche Barrieren mussten überwunden werden, aber der Geist von Péronne hat es möglich gemacht.

Das „Historial de la Grande Guerre“ steht auch insofern für eine historiografische Neukonzeption, als es weniger die Ereignisgeschichte in den Vordergrund stellt, sondern mehr einer politischen Geschichte der Kriegsmentalitäten verpflichtet ist. Dabei ist die Ausgangssituation kompliziert. 1914 gab es in Frankreich und Deutschland gegenläufige Narrative und in jedem der beiden Länder noch einmal zwei konkurrierende Diskurse. Auf der einen Seite wurde die „union sacrée“ beschworen, auf der anderen Seite der Burgfrieden, wobei darunter durchaus nicht alle dasselbe verstanden. Den Konservativen stand in Deutschland vor allem die nationale Einheit vor Augen, während die Sozialisten in der Überzeugung in den Krieg zogen, dass dem Sieg der Waffen der soziale Ausgleich im Inneren folgen müsse. Auch hinter der Parole von der „union sacrée“ verbargen sich ganz unterschiedliche Zielsetzungen, den einen ging es um die nationale Verteidigung, den anderen um die Vereinigung aller Franzosen.

Der Vergleich, den Becker und Krumeich anstellen, erweist sich als sehr fruchtbar. Sie stellen die Situation in beiden Ländern präzise und differenziert dar, zeigen zum Beispiel, dass hier wie dort die Kriegsgefahr erheblich unterschätzt worden ist, dass aber die Verantwortung Deutschlands für das tatsächliche Abgleiten in den Krieg wesentlich schwerer wiegt als die Frankreichs. Der Vergleich zwischen diesen beiden Staaten ist auch deshalb besonders naheliegend, weil Frankreich und Deutschland während der gesamten vier Jahre, die der Krieg dauerte, eine gemeinsame Front hatten. Entlang dieser Front vollzogen sich die größten und verlustreichsten Schlachten des gesamten Krieges. Dabei gibt es einen gewichtigen geografischen Unterschied. Die Front verlief durchweg auf französischem Boden. Der Erste Weltkrieg hat sich tief in das nationale Gedächtnis der Franzosen eingegraben. „La Grand Guerre“ war stets in überragender Weise präsent, während hierzulande der Erste jahrzehntelang im Schatten des Zweiten Weltkrieges stand.

Becker und Krumeich schreiten in ihrem Buch das bekannte Tableau ab, von der Vorgeschichte über die Julikrise über Themen wie Heimatfront und Kriegskultur und die Hauptereignisse der verschiedenen Kriegsjahre bis hin zu Waffenstillstand und Friedensvertrag. Beschlossen wird dieser informative und erkenntnisfördernde Gang durch die Geschichte des Krieges mit einem etwas oberflächlichen Ausblick auf die Jahre bis 1923.

Die Autoren haben ihr Buch auf Französisch geschrieben. Die Originalausgabe erschien 2008. Nun liegt auch die deutsche Übersetzung vor, die leider gravierende Mängel aufweist. Die Übersetzung ist nicht nur sprachlich von ungewöhnlicher Dürftigkeit und voller grammatikalischer Fehler. Indiskutabel ist insbesondere in einem wissenschaftlichem Werk wie diesem, dass deutsche Zitate aus dem Französischen rückübersetzt worden sind. Am 16. Dezember 1916 sagte Reichskanzler Bethmann-Hollweg im Deutschen Reichstag, der Krieg drohe „den geistigen und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trümmer zu legen“. Bei Becker und Krumeich wird daraus, er zerstöre „die materiellen und spirituellen Errungenschaften Europas“. Der Reichskanzler Gustav Bauer, dessen Regierung den Versailler Friedensvertrag unterzeichnet hat, tritt in diesem Buch als „Gustav Baum“ auf, in dem insgesamt ziemlich unvollständigen Register fehlt er ganz. Aus „Vaillant-Coutourier“ wird im Register „Vaillant-Courtier“, „Moltke“ wird zu „Molkte“ und solche Fehler gibt es zu Dutzenden. Es ist dringend zu wünschen, dass der Verlag dieser deplorablen Ausgabe eine gründlich redigierte Neuausgabe dieses wichtigen Buches folgen lässt.

Eine schöne Ergänzung zu der analytischen Darstellung von Becker und Krumeich bietet das Buch von Wolf-Rüdiger Osburg, zu dem Gerd Krumeich auch ein Vorwort beigesteuert hat. Es ist dies die überarbeitete Neuausgabe eines Buches, das Osburg erstmals vor zehn Jahren herausgebracht hatte. Der Autor hat damals 135 ehemalige deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs zu ihren Erlebnissen befragt. Das war eine sehr bemerkenswerte Initiative, zumal der Autor kein Akademiker, sondern ein Mann der Wirtschaft ist, der sich im Alleingang gewaltigen Mühen unterzogen hat. Dies war auch deshalb besonders verdienstvoll, weil die 135 Männer, Angehörige der Jahrgänge 1892 bis 1900, inzwischen sämtlich verstorben sind. In diesem Buch sprechen sie über den Alltag im Schützengraben, über Verwundung und Tod, über Gefecht und Gefangennahme. Und Krumeich schreibt dazu in seinem Vorwort: „Die Greise reden wahr.“ Während ein 70-Jähriger noch den Ehrgeiz hat, seine Biografie für die Nachwelt zu schönen, findet der 90-Jährige wieder zurück zur Unmittelbarkeit seiner Erfahrungen, so Krumeichs These.

Der Erste Weltkrieg ist kein zeitgeschichtliches Ereignis mehr, er gehört nicht mehr zur „Epoche der Mitlebenden“, wie der Historiker Hans Rothfels es einst formulierte. Seine Protagonisten sind sämtlich dahingegangen, aber in dieser Sammlung sprechen sie noch zu uns.

Jean-Jacques Becker, Gerd Krumeich: Der Große Krieg. Deutschland und Frankreich 1914–1918. Klartext Verlag, Essen 2010. 354 Seiten, 24,95 Euro.

Wolf-Rüdiger Osburg: Hineingeworfen. Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer. Osburg Verlag, Berlin 2009. 526 Seiten, 29,90 Euro.

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