Kultur : Gemeinsam gemein

Schauspielhaus Hamburg: Hans Henny Jahnns Tragödie „Die Krönung Richards III.“

Katrin Ullmann

„Ich will kein Pferd, ich will mein Leben oder das Schlachten beenden.“ Ruhig spricht Richard III. seine letzten Sätze. Nackt ist er, trieft vor schwarzer Farbe und sitzt auf seinem Grab. Was fast unbemerkt begann, endet scheinbar mittendrin. Sebastian Nübling hat Hans Henny Jahnns „Die Krönung Richards III.“ inszeniert. Jenen Richard, der laut Jahnn, „kein Scheusal mehr ist, vielmehr ein unsäglich leidender Mensch“. Vor einer knapp zehn Meter hohen Bassboxenwand (Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner) hat Nübling die Tragödie des Hamburger Expressionisten und Organisten von 1921 zur Hamburger Erstaufführung gebracht.

Klein wirken die Figuren vor dieser Akustikmaschinerie, aus der es regelmäßig dröhnt (Musik: Lars Wittershagen). Doch harmlos ist nur der Anfang. Da lachen Kinderstimmen aus der schwarzen Wand, krabbelt Jana Schulz als Pulter im Ganzkörperstrumpf stöhnend die Wand entlang, springt und klettert kurz darauf eine ganze Horde Knaben orange-gelbgrün berockt umher.

Kaum hat die blutarme Königin Elizabeth (Katja Danowski) all die Knaben unter ihrem schwarzen Reifrock gefangen und sich einen zum Abendessen ausgeguckt, als sie schon dem schmierigen Heiratswerben Richards unterliegt. Auf einem Taschentuch kriecht dieser vor ihr nieder, bittet zum dritten Mal um Thron und Ehe und bekommt sabbernd den königlichen Reifrock und die Frau dazu.

Samuel Weiss spielt Richard III., „des Reichs Verweser“, der ebenso viel Scheusal ist wie schwacher Mensch. Den Reifrock hat er gerade um, als er zum gekrönten König sich skandiert. Lustvoll jauchzt er durch die Knabenschar, badet sich in einem jugendfrischen Halleluja. Bald aber leidet Richard III. unter seinem Rollenzwang als Herrscher, ist er doch nicht gern allein gemein. Er fühlt sich mehr als Opfer denn als Täter. Scheinbar schwer fällt ihm das Morden. Allzu gern verteilt er die Verantwortung: auf all die anderen, auf Gott und die Natur.

Um den Thron zu sichern, plant er die Ermordung seiner beiden Neffen. Maja Schöne und Sophie Steiner – mit Pferdeschwanz, T-Shirt und kniekurzen, schwarzen Hosen – spielen die Brüder Eduard und Richard. Unruhig geistern sie herum und verbreiten Hand in Hand, mit wachen Ohren und lauernden Augen „Shining“-Unbehagen. Tatsächlich bleibt ihr flüsterndes Kommen, Gehen, Fliehen der einzige Grusel dieses Abends.

Richard III. zuckt und zögert. Sitzt Nägel kauend am Bühnenrand, nervös und angeblich scheu vor einem blutigen Mord. Für den Job delegiert er Tyrrel (Tim Porath) und Gurney (Daniel Wahl). Noch windet er sich ob der Todesart: vergiften, erwürgen, erdolchen? Schließlich lässt er die Prinzen verhaften, plant ihr lebendiges Begrabensein, schickt Dolch und Gift nach seiner Königin.

Von Wahn und Wirklichkeit getrieben, entfesselt Richard III. einen mörderischen Reigen. Er selbst scheint angewidert von den Folgen. Einsam, matt und schlafbedürftig, sinkt er mal hier, mal dort zusammen. „Ich bin doch der König, der König bin ich,“ vergewissert er sich dann und wird via Lautsprecherwand abwechselnd von Elizabeth und minutenlangem Stimmgewitter heimgesucht. Die Grausamkeit hat doppelt Platz: auf der Bühne und in Richards Kopf.

Als Richards Herzoge – wie Kletteraffen in die Wand verhakt – ihren Unmut äußern, geht das Todestreiben weiter. Zu unberechenbar ist Richard III., zu berauscht vom Spiel der Macht. Vom erschöpften Politiker über den lässigen Staatsmann bis hin zum Wahnsinnigen: Samuel Weiss gibt alles. Er spuckt, schreit und speit. Nur eines ist stets klar: Alle Zweifel sind Heuchelei, sind feige Pose, auch wenn er seine „Sehnsucht nach einer besseren Welt“ erklärt.

Als unaufhaltsamer Todesreigen rinnt das Stück vorüber. Kluge Akzente setzt Sebastian Nübling durch die Akustik und durch einen kühnen Zugriff auf das schwülstige Sprachgebirge, ausreichend Charme lässt er dem Massenmörder. Leider verzettelt Nübling sich in Spielereien mit Mikrofon, Slapstick und Stepptanzakrobatik. Das aber gefährdet nicht die Inszenierung. Bedauerlicher ist, dass die Tragödie über Macht und Machtmissbrauch kaum berührt. Die kühle Inszenierung endet so abrupt, wie sie begann. Ob Richard sein Pferd, Leben, das Schlachten oder nichts mehr will, ist am Ende recht egal.

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