Kultur : Gemischtes Doppel

Caroline Becker fotografiert, Simon Harrison verfremdet ihre Motive per Airbrush. Die Ergebnisse sind in der Galerie Hiltawsky;zu sehen

Jochen Stöckmann
"Machinegun preachers", 2012
"Machinegun preachers", 2012Foto: BeckerHarrison

Malerische Effekte, Kunstkosmetik hat der Fotografie nie gut zu Gesicht gestanden. Pioniere der Neuen Sachlichkeit, Sozialdokumentaristen der straight photography werden weit höher geschätzt als die unter übersteigertem Kunstanspruch ächzenden Piktorialisten. Heute gibt es dafür Photoshop. Aber darauf scheint die Fotografin Caroline Becker zu verzichten: Ihre schwarz-weißen Bilder aus Jerusalem – Aufnahmen von Prozessionen und Passahfeiern – sind grobkörnig, kommen ohne digitale Brillanz oder Kontraste aus. Also ein Fall für Liebhaber, ganz analog, wunderbar konventionell.

Die Motive (2000 bzw. 7500 Euro) sind jedoch überhaupt nicht konventionell, provozieren. Ein Priester kommt mit dem Sturmgewehr auf den Betrachter zu. Der orthodoxe Jude trägt einen Colt wie ein schießwütiger Dandy. Und in der Menschenmenge vor der Klagemauer steht ein Mann, der als Einziger keinen Gebetsmantel trägt, sondern eine Sprengstoffweste. Das wirkt wie seltene Schnappschüsse aus der von Religionskriegen geschüttelten Region, wie aufwendig recherchierte „scoops“ einer Fotoreporterin. Aber die würde solch eine sensationelle Bilderfolge wohl kaum mit dem respektlosen Titel „Holy Shit“ anpreisen. Tatsächlich handelt es sich um malerische Effekte von Beckers Partner Simon Harrison. Für die manieristischen Einsprengsel des Malers bietet die Fotografin den idealen Bildgrund: Auf ihren Abzügen fügen sich die luftigen Airbrush-Motive unmerklich ein.

"Western Wall", 2012
Foto: BeckerHarrison

Ohne diese Übermalungen wären die Fotografien Bildkompositionen – witzlos, ohne Pointe. Dank Airbrush aber steht nun hinter vier betenden Muslimen geschrieben: „Je suis Charlie“. Das mag zu denken geben. Wer seinen Blick aber an den Montagen John Heartfields geschult hat, bleibt intellektuell unterfordert und sieht sich düpiert: Beim Dada-Fotomonteur waren die Spuren seiner scharfen Schere gut erkennbar. Man merkte die Absicht – und war deshalb überhaupt nicht verstimmt. Weil sich immer noch einmal hinschauen und erneut reflektieren ließ.

Ein Motiv von BeckerHarrison allerdings gibt Anlass zu solch näherer Betrachtung: „Holy Shit #7 (Cruxifica)“. Im wabernden Nebel einer Müllhalde stolpert ein Mann vorwärts, die Arme gespreizt. Bereit zur Kreuzigung. Und tatsächlich stehen, nein: schweben da zwei Kreuze. Nicht eingegraben in den Boden, sondern als Airbrush-Schemen im grauen Dunst. Es sind Symbole, Zeichen, vom Foto deutlich erkennbar abgehobene Projektionen. Mit dieser Doppelbödigkeit eröffnet sich ein Spiel der Blicke und Gedanken, das deutlich mehr Gewinn verspricht als die auf den ersten Blick ganz ähnliche, am Rande des Kitsches inszenierte „Dokumentar“-Fotografie des Neo-Pathetikers Sebastião Salgado.



Galerie Hiltawsky, Tucholskystr. 41; bis 12. 3., Di–Sa 14–19 Uhr (Teil 1) & Potsdamer Str. 85, bis 28.2, Di-Sa 15-20 Uhr (Teil II)

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