Kultur : Gemischtwaren

Burghart Klaußner singt in der Bar jeder Vernunft

Gerd Hartmann

Über der Bühne leuchtet ein rundes, sattblaues Schild mit der verschnörkelten Aufschrift „Zum Klaußner“, als wär’s das Signet einer Landbrauerei. Der Herr davor trägt aber keineswegs einen Trachtenjanker, sondern Frack. Damit wären die Koordinaten des Abends abgesteckt. Burghart Klaußner, nicht erst seit seinem frösteln machenden Spiel in Michael Hanekes Oscar-nominiertem Film „Das weiße Band“ als Meister seines Fachs gepriesen, lädt ein in seine fahrende Musik-Gastwirtschaft. Klaußner kennt keine Berührungsängste. Deutsche Filmschlager stehen neben American Classics, zwischendurch ein jüdischer Witz oder ein wunderbar ausgespielter Sketch über eine sinistre Begegnung an einem Fahrkartenschalter. Im Wirtshaus des Lebens hat so manches seinen Platz – hier vorzugsweise in nostalgischem Gewand.

Auch als Sänger bleibt Klaußner immer Schauspieler. Bei den Liedern des Chanson-Altmeisters Charles Trenet schlüpft er in die Rolle des französisch-charmanten Erzählers bittersüßer Geschichten, die Broadway-Songs von Cole Porter & Co. intoniert er mit Fred-Astaire-Schmelz. Und wenn er ein Couplet des Münchner Volkskomikers Adolf Gondrell anstimmt, wird es deftig krachledern.

Der Betreiber der musikalischen Gaststätte als Chamäleon – das ist gekonnt und vergnüglich, aber auch ein wenig glatt. Persönlich wird der Großschauspieler, der tatsächlich aus einer Wirtsfamilie stammt, fast nie. Weder in der Interpretation der Lieder, noch in den zwischengestreuten Texten. Bei den verschwurbelten Wortkaskaden über das Wesen des Klaußners und der Klaußnerei sind die Übergänge zwischen Selbstironie und Selbstbeweihräucherung fließend. Und auch ein diskret eingebautes Anekdötchen über die diesjährige Oscar-Verleihung fehlt nicht. Das versprochene „Lebenspassepartout“ ist dieser unterhaltsame Gemischtwarenladen nicht. Trotz der sehr gut aufgelegten, sich souverän durch alle Stile spielenden Begleitcombo. „Der Wirt ist sich selbst genug“ sagte Klaußner einmal. Dem ist nichts hinzuzufügen. Gerd Hartmann

bis 12. 9., Di – Sa 20 Uhr, So 19 Uhr in der Bar jeder Vernunft.

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