Kultur : Genagelter Dichter

JULIA REHDER

Die Inszenierung beginnt schon im Flur. Mal sieht man "Superstar Goethe" ans Kreuz genagelt, mal erkennt man ihn auf dem "WeimarRommé" oder auf verstaubten Buchdeckeln der Minibibliothek wieder. Ein Sammelsurium von Erinnerungsstücken, das an längst vergangene Tage anknüpft und doch Brücken zum Heute schlägt. Monica Gruber verkörpert als Charlotte von Stein kein Frauenzimmer des 18. Jahrhunderts. Auf ihrem Trainingsfahrrad wärmt sie sich für die "Generalprobe im Hause Stein mit Johann Wolfgang von Goethe, der abwesend ist" auf. An die Zuschauer im Theater Fürst Oblomov werden Pantoffeln ausgeteilt, damit sie ihr ins Wohnzimmer, das gleichzeitig Schlafgemach ist, folgen können. Sie sitzen schließlich mitten auf der Szene und erleben hautnah, was sich im Hause Stein ereignet. Wobei sie anfangs noch nicht gefesselt sind, doch das sollen sie wohl gar nicht sein. Schließlich spiegeln sie die unsichere Gefühlslage der Charlotte wieder, teilweise verschreckt von ihren kreischenden Gefühlsausbrüchen. Sie stellt Goethe noch als Holzpenis im Kinderwagen dar, ist sich keineswegs im Klaren darüber, ob sie ihn nun geliebt hat oder nur von seiner Genialität hingerissen war. Mehr noch: Ist ein Genie der menschlichen Liebe überhaupt mächtig? Erst später quillt die leidenschaftliche Sehnsucht aber auch abgrundtiefe Verletzlichkeit aus ihr heraus. Ihr Schutzmechanismus hat längst versagt. Die österreichische Schauspielerin ist dann überaus glaubhaft und mitreißend. Goethe ist plötzlich ein Sinnbild für "jedermann": "Wir Frauen müssen lieben, wo wir nicht siegen können."

Nächste Vorstellungen am 1., 27. und 28.8., jeweils 20 Uhr.

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