Kultur : Genau wie das Leben

KERSTIN DECKER

Der Amerikaner Bill Meyers sitzt im Kino in der Brotfabrik und raucht eine Zigarette nach der anderen.Wir sehen gerade die Videos, die er 1986 und 1987 in der DDR aufnahm.Zum Beispiel das von der Familie Straßburger aus Dresden.Frau und Herr Straßburger, ein ganz reale sozialistische Familie, lächeln viel und ringen um Sätze wie: "Die Wochenenden werden immer sinnvoll ausgenutzt" oder "Wir feiern ja bald das 25jährige Bestehen der Mauer." Frau Straßburger schaut jetzt irgendwie entschuldigend.Aber, mein Gott, was soll man sagen, wenn da plötzlich ein Amerikaner wissen will, wie sie die Mauer findet.

Meyers sagte damals seinem "Begleiter" Hannes, wenn sie weiter nur solche Interviews machen würden, dann könnte er gleich seine Sachen packen und wieder nach Hause fliegen.Er brauche auch mal was Spontanes.Hannes habe genau eine halbe Stunde Zeit, sich das zu überlegen.Was tun, wenn man von der Stasi ist, und der Ami, den man begleiten muß, gibt einem noch genau eine halbe Stunde? - Wir sehen das zweite Video.Stasi-Mann Hannes führt ein spontanes Interview mit Berliner Jungs im Tierpark.Wie sie wohl Amerika finden und ob sie da auch mal hinwollen? Das unfreiwillig-groteske ist das schönste an diesen völlig naturbelassenen, also ungeschnittenen Filmen.

Natürlich haben Meyers Videos keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende.Genau wie das Leben.Oder wie die DDR.Plötzlich war sie weg, und man hat das erst hinterher so richtig mitgekriegt.Deshalb ist es unheimlich schön - also ziemlich unheimlich, aber irgendwie auch schön - wenn man sie sich hinterher noch mal anschauen kann.Denn Meyers, der Deutschlehrer aus Detroit, wollte mit diesen Videos ja nichts beweisen.Er wollte seinen Landsleuten nur zeigen, daß diese Ostdeutschen nicht eigentlich Feinde, nur eben ein bißchen sonderbar sind.Ein wunderliches Volk halt, aber in Amerika hatte man doch schon immer Sinn für Kuriositäten.

Brotfabrik, jeweils sonntags, 18 Uhr

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