Kultur : Genau zwischen die Augen

Nach sieben Jahren wieder ein neues Album: Morrissey, der Poet des Pop, kann noch kämpfen

Lorenz Maroldt

The whispering

may hurt you

but the printed word

might kill you

Armer, verfolgter Morrissey. Glücklicher, verehrter Morrissey. Es wird wieder geschrieben über ihn, über seine neuen Songs, seine Auftritte, seine neue CD. „Morrissey, you are the Quarry“, lange erwartet, kommt heute in die Läden, aber eines steht jetzt schon fest: Was darüber zu sagen und zu schreiben ist, das bringt ihn ganz sicher nicht um. Morrissey ist wieder da, und er ist wie früher, obwohl er ja eigentlich eine Unmöglichkeit ist, mindestens eine. Morrissey lebt die Verzweiflung der Jugend, und er lebt auch davon, immer weiter. Dabei ist er ganz schön alt geworden für einen Dorian Gray, schon 44 – und ist doch der Junge geblieben?

Sieben Jahre sind seit seinem letzten Album „Maladjusted“ vergangen, zehn Jahre seit seinem letzten halbwegs guten. Zwanzig Jahre ist es her, dass Morrissey in Manchester gemeinsam mit dem Gitarristen Johnny Marr sowie dem Bassisten Andy Rourke und dem Schlagzeuger Mike Joyce eine Band gründete, die für viele eine Offenbarung war in einer Welt voller peinlichstem Pop: „The Smiths“. Nie zuvor und nie danach gab es eine perfektere musikalisch-lyrische Einheit von Schwermut und Leichtigkeit, von Witz und Ernsthaftigkeit, von Pathos und Unnahbarkeit, von Aggression und Verletzlichkeit, von Coolness und Weinerlichkeit. Morrissey, in der Hosentasche ein Strauß Gladiolen, zelebrierte eine Sehnsucht, die nicht nur ihm das Herz zu zerreißen schien.

Vier Jahre hielt die Band, dann kam es zum Bruch zwischen Marr und Morrissey. Das, was ihre Stärke ausmachte, die elektrisierende Spannung des Verschiedenen, das sich zusammenfindet, brachte sie schließlich auch auseinander, musikalisch und menschlich. Marr und Morrissey erholten sich davon nie mehr so ganz. „The Smiths“ waren zu ihrer Zeit eine geachtete, auch geliebte Band; es gab andere, die erfolgreicher waren. Aber jetzt, nach dem Split, wurde sie zu einem Mythos und damit zugleich zu einer Bürde für ihre einstigen Mitglieder. So schön Morrissey solo auch sang, so sehr er jammernd und flehend brillierte, so sehr fehlte ihm doch Marrs Gitarrengenie. Er experimentierte, aber kam nicht mehr an wie zuvor. Er rieb sich auf, auch in einem Prozess mit den früheren Bandkollegen. Er suchte die Konfrontation mit der britischen Musikpresse, und man kann sagen: er fand sie. Ziemlich hart.

Zuletzt war Steven Patrick Morrissey abgetaucht, nach Los Angeles gezogen, wo er heute in einer Villa lebt, die Clark Gable für seine Frau Carole Lombard baute. Er, der die Anspielung liebt, Spuren von Literaten, Schauspielern und anderen Musikern in Texte und Cover versteckt, zitiert, leicht verfremdet, zur Interpretation und deshalb auch zum Missverständnis geradezu einlädt, fühlte sich in England zuletzt nur noch verfolgt, geschmäht, sogar mit Rassismus in Verbindung gebracht. War bei „Hang the DJ“ nicht die schwarze Musik gemeint? Was sollte „National Front Disco“? Er wehrte sich nicht, viel zu stolz, sondern floh.

Lange brauchte Morrissey, um eine Plattenfirma zu finden. An seinen Songs kann das nicht gelegen haben.Da rechnet einer ab mit sich, seiner Heimat und der Welt, wie es nur wenige können. „Irish blood, English heart“, als Single vorab veröffentlicht: kraftvoll, kämpferisch. „How can anybody possibly know how I feel“: großartig, treibend, stark. „I have forgiven Jesus“: angemessen verzweifelt – I have forgiven Jesus, for all the desire he placed in me, for all the love he placed in me. Jesus, do you hate me?

Eine bitterböse Liebeserklärung an Amerika, Verachtung für das England von heute, Sehnsucht nach einem Tee, der nach Themse schmeckt, und die Selbstversicherung, dass er, Morrissey, sich für nichts und bei niemandem zu entschuldigen hat.

Morrissey, der scheue Einzelgänger, der Enthaltsame, das sexuelle Rätsel: The woman of my dreams, she never came along, the woman of my dreams, well – there never was one.

Morrissey, zynisch-witzig: Hector, with a gun in his hand, he stole from the rich and the poor, and the not-very-rich, and the very poor, and he stole all hearts away.

Morrissey, der menschenskeptische, kompromisslose Tierfreund und Vegetarier: „Please join People for the Ethical Treatment of Animals“ steht auf dem Cover. Er hat schon Auftritte abgesagt, weil der Veranstaltungsort früher ein Schlachthof war. PETA, von Morrissey unterstützt, wirbt mit Fotos vom Holocaust und dem Spruch: Für Tiere sind alle Menschen Nazis. Allerdings nicht mehr in Deutschland, da ist das jetzt verboten.

Quarry ist eine Fundgrube für Morrisseyologen, diejenigen also, die nach Querverweisen suchen, nach versteckten Botschaften, die mitleiden und mittrotzen wollen. Das Foto: Morrissey, aufgemacht wie ein Mafioso, brauner Nadelstreifenanzug, weißes Hemd mit rosa Streifen und lila Krawatte, hält ein Maschinengewehr in der Hand und zielt – auf wen? „Morrissey, you are the Quarry“ – mit Komma, nicht mit Punkt oder Strich. Attack heißt sein Label, eine Tochterfirma von Sanctuary, er wollte unbedingt hier erscheinen. Attack hat in den siebziger Jahren mit Reggae begonnen. Morrissey hat Reggae nie gemocht, wenn man ihm das glauben will. Das Symbol von Attack ist – ein Maschinengewehr.

So don’t let the blue

the blue eyes fool you

they’re just gelignite

loaded and aiming

right between your eyes

Morrisseys Kampf: Er, einsamer Dandy, ewiger Narziss, steht vor dem Spiegel und starrt sein Gegenüber an.Wer hält dem Blick länger stand, wer beugt sich dem anderen? Er wird gewinnen, ganz bestimmt.

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