Gene Coleman zu Gast beim Märzmusik-Festival : Musik für die Augen

Gene Coleman dreht Filme und komponiert. Sein Programm:  Die Genres vermischen. Jetzt ist er Gast beim Märzmusik-Festival.

von
Sakralbau. Gene Coleman im alten Stummfilmkino Delphi in Weißensee, wo seine Werke am Montag zu hören sind. Foto: Thilo Rückeis
Sakralbau. Gene Coleman im alten Stummfilmkino Delphi in Weißensee, wo seine Werke am Montag zu hören sind. Foto: Thilo Rückeis

Es ist kühl im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Weißensee, über den Postermöbeln liegt eine klamme Kälte, die Heizung wird erst abends bei Veranstaltungen angeworfen. Und doch: „Was für ein Raum!“, ruft Gene Coleman. Der amerikanische Komponist ist zwar nicht das erste Mal hier, aber die Wirkung des großen Saals macht immer wieder Eindruck auf ihn. 1929 eröffnet und nach dem Krieg geschlossen, ist das Delphi (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kino in der Kantstraße) einer jener verwunschenen, vergessenen und wiederentdeckten Orte, an denen Berlin so reich ist. Eine sakrale Atmosphäre prägt den hochgewölbten Saal, von dessen Wänden der Putz bröckelt, der aber ansonsten völlig erhalten ist. Quentin Tarantino war hier, um zu prüfen, ob das Kino für die Schlussszene seines Films „Inglourious Basterds“ taugen würde, bevor er sich dann doch für Babelsberg entschied.

Am heutigen Freitag wird das Neue- Musik-Festival Märzmusik eröffnet, in dessen Rahmen am Montag im Delphi zwei Werke von Gene Coleman präsentiert werden. Das passt hervorragend. Denn der 55-Jährige ist nicht nur Komponist, sondern auch Filmemacher. Er hat ein hybrides Werk aus bisher rund 50 Filmen und Kompositionen geschaffen. Cross Media, die Wechselwirkung zwischen den Kunstformen, ist das große Thema seines Lebens. Dabei will er mehr als nur „Soundtracks“ schreiben. „Es geht mir darum, wie Musik und Szene aufeinander reagieren, wie sie sich gegenseitig antworten.“ Eine Spirale, wenn man so will, die sich immer weiter nach oben dreht.

Noch bis Juni lebt und arbeitet Coleman als Fellow in der American Academy am Wannsee. Er stammt aus dem deutsch geprägten Wisconsin – sein Geburtsort trägt den schönen Namen „Rhinelander“. Die nächstgelegene Metropole ist Chicago, also ging er dorthin, um zu studieren. Die School of the Art Institute of Chicago hat einen stark visuellen Schwerpunkt, und so begann Coleman als experimenteller Filmemacher, das Komponieren kam erst später hinzu. „Heute ist Cross Media nicht mehr so ungewöhnlich “, sagt er. Der Zugang zu digitaler Musik im Internet ist wesentlich einfacher geworden. Als Gene Coleman studierte, war das noch anders, aber er ist sehr dankbar für die solide künstlerische Ausbildung, die er damals bekommen hat.

Nach dem Studium zog es ihn nach Philadelphia. Dort, nur 90 Minuten von New York entfernt, fand er die richtige kreative Atmosphäre, die Stadt ist europäisch geprägt. Und er hörte erstmals den Namen „Buckminster Fuller“, der Colemans Arbeit prägen sollte. Der legendäre Architekt, Philosoph, Schriftsteller und Erfinder (1895–1983) hat in Philadelphia gelebt und hier unter anderem sein berühmtes Konzept der geodätischen Kugel entwickelt, das bekannteste Exemplar einer solchen Kugel steht heute im Epcot Center in Disneyworld. „Fuller war ein Brunnen an Inspiration, ein unglaublich bewanderter Mann, der in allen Feldern des Wissens Substanzielles beizutragen hatte“, erzählt Coleman, der Fuller selbst nie kennengelernt hat. Aber sein Film „Spiral Network“ – eines der beiden Werke, die am Montag im Delphi gezeigt werden – ist von ihm inspiriert.

Es geht um das Konzept der Spirale als geometrische Form und um Fullers Idee eines „World Game Institute“, ein weltweites Netzwerk, in dem kluge Menschen regelmäßig zusammen debattieren sollen, um die drängenden globalen Probleme zu lösen. „Ich finde das unglaublich anregend“, meint Coleman. „Fuller hat das in den siebziger Jahren entworfen, aber es nimmt das Cloud Computing vorweg, von dem heute alle sprechen.“

Auch Architektur spielt eine große Rolle in dem Film, etwa der Bahnhof von Kyoto. Japan, überhaupt Asien, ist das andere große Lebensthema von Coleman. Seit Jahren reist er regelmäßig dorthin, in einen Kulturkreis, in dem die Vermischung der Genres seit Jahrtausenden praktiziert wird. „Page of Madness“ ist das zweite am Montag präsentierte Werk – ein japanischer Stummfilm von Teinosuke Kinugasa, entstanden 1926, zu dem Coleman neue Musik geschrieben hat.

Mit expressionistischen Mitteln zeichnet Kinugasa das Porträt der Insassen einer psychiatrischen Anstalt, den Wahnsinn einer Patientin macht er mittels sich überlappender Bilder sichtbar. Dazu kombiniert Coleman Flöte, Klarinette und Streichtrio mit zwei japanischen Instrumenten: der Shô, einer Mundorgel, und der Koto, einer Art Zither. „Anfangs arbeite ich noch mit traditionellen Akkorden“, sagt er, „doch je mehr sich der Wahnsinn der Frau steigert, desto mehr gerät alles durcheinander.“ Die Musik erweitert das Sehen, macht Strukturen auf einer tieferen Ebene sichtbar.

Die Sicht erweitern, Fenster und Schotten öffnen – das hat Coleman immer getan. An der amerikanischen Neuen Musik hat ihn lange gestört, dass sie sehr auf sich konzentriert war: Phil Glass, Steve Reich, Minimal Music – das war’s, Entwicklungen andernorts, in Europa und Asien, wurden lange gar nicht richtig rezipiert. Er selbst wollte schon früh etwas gegen diese Nabelschau tun. In Chicago hat er regelmäßig Konzerte mit europäischen Komponisten organisiert.

Er war 1997 der Erste, der Helmut Lachenmann nach Amerika geholt hat. „Ich erinnere mich noch, wie er verständnisvoll und sanftmütig unseren Musikern erklärt hat, wie sie das zu spielen hätten.“ Damals erklangen Lachenmanns erstes Streichquartett „Gran Torso“ und die Komposition „Zwei Gefühle“, die später Eingang fand in die Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – die wiederum die Deutsche Oper Berlin jüngst mit großem Erfolg aufgeführt hat.

Dann zückt Coleman plötzlich ein Notizbuch – ausgerechnet von Moleskin. Was für ein Klischee. Aber ein Poser in Hemingsway-Nachfolge, das ist er nicht. Sondern ein erfahrener Künstler. „Letztlich gehen wir alle in die gleich Richtung, egal ob in Europa oder den USA“, meint er. „Wir produzieren Geräusche. Aber damit wollen wir nicht schocken. Sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, das Geräusche wunderschön sein können.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar