Kultur : Generalintendant für Berliner Bühnen: Gleichung mit dem Unbekannten

Jörg Königsdorf

Eigentlich könnte Udo Zimmermann ganz zufrieden sein. Denn der künftige Intendant der Deutschen Oper besitzt etwas, das vom Berliner Senat im Augenblick so schwer zu bekommen ist wie seinerzeit von den DDR-Behörden eine Ausreisegenehmigung: Zimmermann hat einen Vertrag. Abgeschlossen vor knapp einem Jahr vom damaligen Kultursenator Radunski - mit einer Laufzeit von sieben Jahren beginnend im Sommer 2001. Damit hätte er freie Hand, das versprochene innovative Musiktheater für die nächsten Spielzeiten zu planen. Trotzdem wird der 56-jährige Komponist und jetzige Intendant der Leipziger Oper des künftigen Amtes schon jetzt nicht recht froh: Seit vor einem Monat Kultursenator Christoph Stölzl seinen Plan einer Generalintendanz für Berlins Musiktheater präsentierte, scheint Zimmermanns noch nicht einmal aufgestellter Stuhl zu wackeln. Der unterschriftsreife Vertrag seines designierten Generalmusikdirektors Fabio Luisi liegt auf Eis, in der vergangenen Woche kursierten in der Presse heftige Gerüchte, Zimmermann solle sein Amt gar nicht erst antreten und werde mit 3,5 Millionen Mark abgefunden.

"Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll", sagt der Betroffene im Gespräch mit dem Tagesspiegel. "Die andauernden Spekulationen schaffen ein Klima der Verunsicherung, das letztlich dazu führt, dass kein Künstler von Rang mehr nach Berlin kommen möchte. Mein Kollege Andreas Homoki von der Komischen Oper wartet schon seit 13 Monaten auf seinen Vertrag! So etwas lässt keiner mehr lange mit sich machen. Berlins Kulturpolitik muss aufpassen, dass das Vertrauen in ihre Entscheidungen nicht endgültig erschüttert wird."

Die Verzögerungstaktik wirkt in diesem Fall in der Tat bedenklich: Gerade angesichts der ungeklärten Situation der Lindenoper ist es umso wichtiger, dass wenigstens eines der beiden großen Berliner Musiktheater für die nächsten Jahre ein Programm von internationaler Ausstrahlungskraft vorlegen kann.

Konflikte mit einem möglichen Generalintendanten sieht Zimmermann nicht und kann sich eine Zusammenarbeit sowohl mit dem wichtigsten Kandidaten für diese Position, dem Salzburger Festspiel-Chef Gérard Mortier, durchaus vorstellen: "Wir sind seit langem gute Freunde und künstlerisch auf einer Linie. Mortier würde mein Programm voll und ganz unterstützen." Auch der künstlerische Leiter der Lindenoper, Daniel Barenboim, ließe sich nach Zimmermanns Ansicht in das Gespann Zimmermann-Mortier einbinden: "Der Daniel ist ja ohnehin kein konzeptioneller Mensch, sondern einer, dem es vor allem ums Musikmachen geht. Ein Musiker, der einen Intendanten braucht, der ihm die Rahmenbedingungen für seine Projekte sichert."

Der Unfug mit der Fusion

Die Besetzung der Generalintendanz ist freilich nur eine der Unbekannten in der Gleichung, die der Kultursenator in den nächsten Monaten lösen muss: Geht es doch darum, das künstlerische Niveau der Berliner Opernhäuser zu sichern, dabei auch noch etliche Millionen einzusparen - und am liebsten keinen Dirigenten oder Intendanten durch die überfälligen Personalentscheidungen zu vergraulen. Wie schwer das sein wird, zeigen allein schon die Spekulationen um eine erneute Verpflichtung Christian Thielmanns für einen Berliner Chefdirigentenposten. Ein Bleiben an der Deutschen Oper, an der Thielemann noch als Generalmusikdirektor amtiert, ist mit einem Intendanten Udo Zimmermann nicht zu machen. Zimmermann aber mit einem Millionenbetrag auszuzahlen, ist schon angesichts des Sparzwangs im Kulturhaushalt politisch nicht machbar. Bleibt eine Verpflichtung Thielemanns an die Staatsoper. Die aber wäre nur möglich, wenn Barenboim dort seinen Platz räumen würde. Vorerst begnügt sich Stölzl mit der Versicherung, er werde sich bemühen, "alle Dirigenten in Berlin zu halten". Wie er das anstellen will, weiß niemand.

Hält der Kultursenator an der Idee fest, unterm Dach einer Generalintendanz auch die beiden Opernorchester zu fusionieren und - wie der Tagesspiegel erfuhr - auf 120 Musiker zu halbieren, dann wird Stölzl weder Barenboim noch Thielemann noch Luisi bekommen. Denn mit dieser Orchesterstärke ließen sich zwei große Opernhäuser nicht mehr parallel bespielen - es gäbe also noch mehr Schließtage als schon jetzt. Im Übrigen würde mit einer solchen Fusion die lange gewachsene Klangtradition der beiden Orchester und damit ein einzigartiges Kapital der Berliner Kulturlandschaft zerstört.

Das zeigt gerade der von Stölzl so gern gezogene Vergleich mit Paris. In den sechziger Jahren fielen einer radikalen "Reform" unter der Ägide des Kulturministers André Malraux fast alle Pariser Traditionsorchester zum Opfer. Vom einzigen Resultat, dem Verlust der spezifischen französischen Klangkultur, hat sich das dortige Musikleben noch immer nicht erholt - bis heute besitzt Paris kein einziges Sinfonieorchester von Weltrang mehr.

Dass die französische Hauptstadt trotzdem als leuchtendes Beispiel für Berlins Musikszene dargestellt wird, liegt wohl eher an der zufälligen Tatsache, dass man in Paris zwei Opernhäuser, ein altes (das Palais Garnier) und ein neues (die Bastille-Oper), unter einer Generalintendanz zusammengefasst hat und mit einem einzigen Orchester bespielen lässt: freilich mit weit weniger Vorstellungen als in den Berliner Häusern - und zugleich für erheblich mehr Geld! Anregungen für sein Optimierungsproblem wird sich Stölzl von dort wohl kaum holen können.

Ohnehin scheint es fraglich, ob sich selbst durch Teilzusammenlegungen von Verwaltung und Werkstätten noch größere Einsparpotenziale an den Berliner Opernhäusern realisieren lassen. Die vom Betriebsdirektor der Deutschen Oper, Andre Schmitz, in einem Tagesspiegel-Beitrag am 24. Januar genannten 28 Millionen sind inzwischen auf einen einstelligen Millionenbetrag zusammengeschrumpft. "Die Kulturpolitik muss aus der Fokussierung auf Einsparmöglichkeiten herauskommen und stattdessen neue Einnahmestrecken erschließen", fordert denn auch Udo Zimmermann. Im September will er Stölzl ein Konzept vorlegen, das eine stärkere Einbindung privater Geldgeber vorsieht: "Bei all den Firmen und all dem Geld in Berlin halte ich es für realistisch, Geldgeber für Einzelprojekte zu gewinnen - wir haben hier doch mindestens 20 bis 30 potenzielle Alberto Vilars. Nur müssen das attraktive Produktionen sein, die mit prestigeträchtigen Namen verknüpft sind", beteuert er. Ziemlich optimistisch.

Sanierungsfall Staatsoper

Das ist nicht mehr als Zukunftsmusik. Alle Richtungs- und Personalentscheidungen, die der Kultursenator in den nächsten Monaten fällen muss, sind nicht zuletzt davon abhängig, ob und wann es gelingt, die 100 Millionen Mark zur notwendigen Renovierung der Staatsoper Unter den Linden aufzubringen. Im Sanierungsfall müsste das Haus für etwa drei Jahre geschlossen bleiben - ein Szenario, das zugleich einen Ausweg für Stölzls Nöte bieten könnte: Denn die Verträge von Barenboim und Lindenopern-Intendant Georg Quander laufen im Jahr 2002 aus. Eine Schließung des Hauses bis 2005 böte die Möglichkeit, den nach eigener Aussage ohnehin opernmüden Barenboim als Chefdirigenten der Staatskapelle zu halten und damit einen Wunsch des Regierenden Bürgermeisters zu erfüllen. Während die Zäsur für Barenboim die Möglichkeit gäbe, die internationale Gastspieltätigkeit der Staatskapelle in dieser Zeit auszuweiten, könnte die Staatsoper ihre Präsenz in Berlin durch konzertante Aufführungen und zum Beispiel Barock-Opern im Hebbel-Theater erhalten und sich zumindest insoweit profilieren. Eine künftige Generalintendanz hätte in den Schließungsjahren eine realistische Vorlaufphase für ihre Planungen, und das frisch renovierte Haus wäre sowohl für eine Intendantenpersönlichkeit vom Range Mortiers attraktiv wie für Koproduktionen mit anderen Spitzenbühnen.

Eine Lösung, die trotz der chronischen Berliner Haushaltsnöte nicht einmal unrealistisch scheint: Auch wenn der Bund seine Hilfe verweigerte, würde die Summe von 130 Millionen, die die Kulturverwaltung durch den Verkauf von Immobilien erzielen will, ausreichen, um eine Komplettrenovierung der Lindenoper zu finanzieren.

Und ein bisschen Geld wäre wohl noch übrig. Mit dem könnte dann wieder Kunst gemacht werden.

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