Kultur : Generalpause und Gedankenketten

Jörg Königsdorf

genießt die Stille Das wäre geschafft! Nur eine allerletzte „Entführung“ noch heute Abend an der Komischen Oper, und dann ist erst einmal Klassik-Pause. Nicht hundertprozentig natürlich, denn irgendwelche Orgelmatineen, Hochschulkonzerte oder Sommerserenaden bieten auch im Juli noch tonale Grundversorgung. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Denn die wenigen kostbaren Wochen, in denen Berlins Opern- und Orchestermusiker im Sommerurlaub (oder in Bayreuth) sind, sollte man besser nutzen, um einfach mal gar nichts zu hören. Das ist allein schon als gehörhygienische Maßnahme dringend zu empfehlen: In jedem Fitness-Studio wird schließlich gepredigt, dass die Muskeln immer mal wieder zwei Wochen Ruhepause brauchen, damit sie sich regenerieren können. Mit den Ohren ist es genau dasselbe: Nach zehn, elf Monaten Klassik-Dröhnung sind die Gehörgänge schlicht ausgelaugt, sind Hammer, Amboss und Steigbügel abgewetzt und die mentalen Aufnahmekapazitäten für Musik erschöpft. Eine Generalpause tut Not, und wer sich ihr aussetzt, wird nicht nur feststellen, dass die Schärfung des Gehörs bald einsetzt und man beispielsweise ganz unterschiedliche Arten der Stille wahrnimmt, sondern auch, dass die äußere Ruhe im Unterbewusstsein gespeicherte Musikeindrücke freisetzt, die noch verarbeitet werden wollen.

Grandiose Rattle-, Nagano- oder Barenboim-Abende, bei denen man zwar im Publikum saß, die man aber für sich nicht zu Ende gehört hat, können dann eine ganz unvermutete Nachwirkung entfalten und Gedankenketten in Gang setzen – die Musik gewinnt ein Echo, kommt sozusagen aus der Stille zurück. Das gilt natürlich auch für Operninszenierungen, bei denen die optischen Eindrücke noch dazukommen – gerade die besten Arbeiten, die komplexen, hintergründigen Auseinandersetzungen mit einem Werk bieten ja meist unendlich viel mehr, als man auf den ersten Blick überhaupt wahrnehmen kann, und setzen auf die Nachwirkung ihrer Bilder. Am Abend selbst lässt sich kaum mehr als eine Quersumme ziehen – und die ist zwangsläufig viel kleiner als das Endergebnis.

Immer wieder gibt es beispielsweise Menschen, die in einer solchen Zäsurphase ihre Urteile revidieren, die sich in Ruhe eine Aufführung nochmals mosaiksteinartig zusammensetzen und sich dann manchmal sogar beim Regisseur für ihre Buhrufe bei der Premiere entschuldigen. Ruth Berghaus jedenfalls hat das öfter erlebt, zum Beispiel mit ihrem legendären Hamburger „Tristan“, der in den ersten Vorstellungen zu heftigsten Tumulten führte, Peter Konwitschny kann ähnliche Geschichten erzählen. Und vielleicht fällt ja sogar Calixto Bieito noch ein reumütiger Buhrufer um den Hals.

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