Kultur : Generalpausen und Frühlingsstimmen

SYBILL MAHLKE

"Aus dem Bauch läßt sich nichts sinnvoll darstellen", sagt Michael Gielen, und es sei keine Schande zu denken, denn ohne Reflexion könne er jetzt schon nichts mehr leisten.Gielens Publikum geht davon aus, es mit einem Geistesmenschen zu tun zu haben.Deutlich akzeptieren die Fans in der Philharmonie den Intellektuellen, der sich zu seiner Art bekennt.

Als "Conductor in Residence" der Festwochen, wie deren Chef Ulrich Eckhardt die derzeitige Anwesenheit des Dirigenten in Berlin definiert, hat Gielen sich viel vorgenommen beziehungsweise akzeptiert: Konzerte mit vier Orchestern, davon die Philharmoniker, das Sinfonie-Orchester und die Staatskapelle aus Berlin, drei Bruckner-Symphonien, eine Friedrich-Cerha-Uraufführung im Auftrag der Festwochen, kombiniert mit der "Lyrischen Symphonie" von Alexander Zemlinsky.

Um das "Gielen-Portrait" dieses Septembers zu ergänzen, was nicht so viel sein kann wie komplettieren, bereitet sich das Ensemble United Berlin unter Leitung Peter Hirschs auf Kompositionen von Gielen vor.Daß ihm Komponieren mindestens so wichtig sei wie Dirigieren, erstaunt weniger, wenn man beobachtet, wie der erfolgreiche Dirigent seine Programme komponiert.Der gebürtige Dresdner hat nach der argentinischen Emigration zehn Jahre in Wien gearbeitet, bevor er über andere internationale Positionen zum legendären Chef der Oper Frankfurt (Main) avancierte.

Wie weit Wien ihn geprägt hat, geht aus Worten und Werken hervor.Seit über zehn Jahren schon ist Michael Gielen jetzt Chefdirigent des SWF-Sinfonieorchesters, des weltweit auf Festivals umworbenen Donaueschingen-Orchesters, das sich jüngst "SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg" nennt, weil aus "gebündelter Kraft" der Südwestrundfunk geboren worden ist.

Auf der Probe wie in Gielens erstem Festwochenkonzert stellen sich Dirigent und Orchester als eine eingeschworene Gemeinschaft dar, auch wenn es hier und da instrumentale Nervositäten setzt.Für die dritte Symphonie d-Moll, die Anton Bruckner in tiefster Ehrfurcht ...Richard Wagner, dem unerreichbaren erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst, zugeeignet hat (1873), wählt Gielen die zweite Fassung (1877), da er von der ersten nach ihm gemäßer, eingehender Überlegung Abstand genommen hat.Die ursprünglich 278 Adagio-Takte also reduziert, die "Wagner-Symphonie" womöglich näher an der Wiener Tradition als am Geist des Gesamtkunstwerks.Es ist die Alternative, naturgemäß, nicht die einzige Möglichkeit.

Michael Gielen, ein Musiker, der aus der Moderne kommt und also von Schönberg zu Bruckner gelangt ist, erfährt die expressiven Momente bei Bruckner, die enge Verbindung der Wiener Schulen aus rückläufiger Betrachtung: Der Blockhaftigkeit des Meisters von St.Florian gibt seine Interpretation Ecken und Kanten.Beherrscht das Reflektierte den Sprengstoff der Partitur, so entstehen hier und da, jedenfalls im ersten Konzert, nach den Zäsuren noch Spannungsdefizite."Was er an Generalpausen leistet, streift ans Mährchen": schreibt die zeitgenössische Kritik 1877.Dennoch erreicht Gielen im Finale, "welches an Absonderlichkeit alle seine Vorgänger überbietet" (so damals die "Wiener Zeitung"), viel Stringenz, die mitreißt, seine Satzschlüsse ohne pathetische Drücker sind in diesem Punkt denen Günter Wands ähnlich.

Die Walzermelodie des Bruckner-Scherzos klingt so wenig gemütlich wie die beziehunsgreich vorangestellten "Frühlingsstimmen" von Johann Strauß: höhere Kunstmusik, die jeder verstehen kann, hierin absolute Ausnahme für einen Arnold Schönberg, der Kunst um der Kunst willen fordert.Aus dem Kopf kommt dementsprechend auch Gielens Wiedergabe, in Gliederung und Betonung brillant.Nennt man sie witzig, so in dem Sinn, daß frühere Zeiten Witz mit Verstand, Einsicht, Klugheit gleichsetzen.

Der Hit aus Wien wird mit Raritäten aus Wien umgeben: einem liebenden Rückblick des jungen Anton Webern, "Im Sommerwind" und "Idyll" genannt (1904) - Gielen: Schönberg hätte ihm das nicht durchgehen lassen" -, und spätem Franz Schubert.Das Andante aus dem Symphonie-Fragment D 936 a (1828): Letzte Worte eines, dem auf dieser Welt das Glück nicht hold war.

So kontrastreich kann ein Wien-Programm aussehen, wenn es von dem einstigen Orchester Hans Rosbauds und Ernest Bours heute unter Michael Gielen gestaltet wird.

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