Generation 14plus : "My Suicide": Chronik eines angekündigten Selbstmordes

Suizid ist - neben Autounfällen und Gewalttaten - die Haupttodesursache bei US-Teenagern. Im Berlinale-Film "My Suicide" kündigt der 17-jährige Archie an, seinen Selbstmord auf Video aufzunehmen - ein Experiment mit Folgen.

Achim Fehrenbach
My Suicide
Archie (Gabriel Sunday). -Foto: Promo

Als sich im November der US-Teenager Abraham Biggs vor laufender Webcam mit einem Gift-Cocktail das Leben nahm, war die Öffentlichkeit schockiert: Keiner der rund 180 Zeugen in dem Chat-Forum hatte rechtzeitig die Polizei gerufen, im Gegenteil: Einige hatten den 19-Jährigen sogar zum Selbstmord ermutigt. Die zu dem Fall befragten Psychologen sprachen reichlich schwammig von einer "Dynamik zwischen Selbstmörder und Publikum", die zu der Eskalation geführt habe. "Ohne Zuschauer hätte er es wahrscheinlich gar nicht getan", so Dr. Jon Shwa von der Universität Miami.

Der Film "My Suicide", der auf der Berlinale 2009 im Jugendprogramm lief, könnte von der Thematik kaum aktueller sein. Aus der Leinwand blickt uns ein gutgelaunter 17-Jähriger entgegen: "Mein Name ist Archibald Holden Buster Williams, und ich werde mich umbringen. Willkommen in meinem Film! Willkommen – bei meinem Selbstmord!" Macht hier einer nur Spaß, oder ist es ihm bitterer Ernst?

Greller Bilderstrudel

Bevor wir weiter darüber nachdenken können, beginnt sie auch schon, die Suizid-Show, und wir werden von einer Welle bunter, lauter Videoschnipsel überrollt: Archie zuhause, Archie auf dem Highschool-Hof, Archie im Unterricht - alles gefilmt mit seinem Camcorder. Eltern, Lehrer, Mitschüler - die Gesichter rasen im Zeitraffer vorbei und verschwinden im grellen Bilderstrudel. Animationen hier, Comic-Effekte da, Dutzende von Anspielungen auf Kinofilme und Serien: Archie ist Showmaster und Videoschnitt-Genie, ein grenzenloser Exhibitionist, der nur für und durch seine Filme zu existieren scheint. Und der auch dann noch gnadenlos sein Gesicht in die Kamera hält, wenn ihn die Verzweiflung packt. Denn Archie sieht sich als Teil einer geisteskranken Welt aus Tod, Sex, Drogen, Gewalt und Medien-Müll. Und diese Welt, so wie sie ist, möchte er in seiner Suizid-Doku zeigen.

Für den Außenseiter ändert sich alles, als er im Unterricht seine Selbstmordfilm-Pläne offenbart. Sofort stürzen sich Polizisten und Psychologen auf ihn und Archie wird durch den Seelsorge-Wolf gedreht. Er nimmt es gelassen und filmt die hilflosen Versuche, ihn "zur Vernunft" zu bringen, mit ironischer Distanz. Bei den Mitschülern ist Archie seit seiner spektakulären Ankündigung eine Attraktion. Schulhof-Dealer geben ihm Tipps für den garantiert tödlichen Pillen-Mix, Klassenkameraden ermutigen ihn, den Schritt ins Jenseits zu tun.

Faszinierendes Spiel

Archie ist irritiert, aber auch fasziniert von dem Spiel, das er mit den Erwartungen der anderen spielen kann. Selbst die unerreichbar scheinende Sierra (Brooke Nevin), das schönste Mädchen der Schule, interessiert sich plötzlich für ihn. Aber je näher Sierra ihm kommt, desto schwieriger wird es für ihn, die Rolle des augenzwinkernden Suizid-Showmasters aufrecht zu erhalten. Langsam füllt sich seine innere Leere mit Gefühlen. Archie merkt, dass das "Plastikmädchen", wie er es liebevoll nannte, ähnlich große Probleme hat, die eigene Identität zu finden.

Regisseur David Lee Miller wählt die klassische Boy-meets-Girl-Geschichte, um dem schwierigen Thema Jugend-Selbstmord Struktur zu geben. Auch die Anleihen bei Filmen wie "Network" oder "Harold und Maude" sind nicht zu übersehen. Was "My Suicide" so überzeugend macht, ist die strikte Ablehnung jeder Erzieher-Perspektive. Millers Sohn Jordan und der Archie-Darsteller Gabriel Sunday hatten entscheidenen Anteil an Drehbuch und Schnitt - Miller bezeichnet sie im Tagesspiegel.de-Interview als "vollwertige Partner". Nicht zuletzt ihre Mitarbeit gibt dem Film eine Authenzität, die sogenannte Jugendfilme häufig vermissen lassen.

Ahnungslosigkeit und Heuchelei

Anstatt mit falscher Betroffenheit zu langweilen, folgt "My Suicide" konsequent der Haltung seines Protagonisten: Archies bissig-ironische Kommentare bringen die Lehrer und Psychologen zur Weißglut und entlarven ihre Ahnungslosigkeit und Heuchelei. Wenn Archie dann doch mal seine Kamera ausmachen muss, die er ständig mit sich führt, gibt es immer noch eine zweite "objektive" Kamera, die weiter filmt: eine ironische Brechung, durch die "My Suicide" pseudo-dokumentarische First-Person-Filme wie "Blair Witch Project" ziemlich alt aussehen lässt. Besonders in der ersten Filmhälfte ist "My Suicide" ein atemloses Bildgewitter, eine wilde Mischung aus MTV, Youtube, dem Film "Network" und zahllosen weiteren Popkultur-Bezügen: Anstrengend, aber gerade deshalb aussagekräftig, weil es den medialen Overkill des neuen Jahrtausends präzise abbildet. Gabriel Sunday und Brooke Nevin überzeugen in ihren Rollen voll und ganz, und sogar der alte David Carradine ("Kung Fu") hat einen Gastauftritt.

Warum bringen sich Jugendliche um? Auf diese Frage haben die Macher von "My Suicide" keine letztgültige Antwort - und wollen sie auch gar nicht liefern. Gleichwohl hat der Film eine klare Zielrichtung. David Lee Miller und sein Sohn engagieren sich seit Jahren in dem Projekt "Regenerate", das Jugendlichen neuen Lebensmut geben will. "My Suicide" leistet in dieser Hinsicht einen wichtigen Beitrag, weil der Film schildert und kommentiert, anstatt zu indoktrinieren.

"My Suicide"
Regie: David Lee Miller
Mit: Gabriel Sunday (Archie), Brooke Nevin (Sierra Silver), David Carradine (Vargas), Joe Mantegna (Dr. Gafur Chandrasaker)
Laufzeit: 105 Minuten
Kinostart: steht noch nicht fest
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