Generation Flakhelfer : Flucht in die Unwissenheit

Günter Grass, Hans-Dietrich Genscher, Walter Jens: Malte Herwig lobt den Wandel der Flakhelfer zu "vorbildlichen Demokraten“. Doch deren Umgang mit der eigenen Vergangenheit war alles andere als vorbildlich.

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Walser und Grass. Hast du gehört, der Walter Jens soll in der NSDAP gewesen sein? Foto: dpa
Walser und Grass. Hast du gehört, der Walter Jens soll in der NSDAP gewesen sein? Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Die Amnesie ist eine deutsche Krankheit, man könnte auch sagen, eine deutsche Kunst: gezieltes Vergessen zum eigenen Vorteil. Peter Longerich hat vor einigen Jahren in seiner bahnbrechenden Studie „Davon haben wir nichts gewusst!“ gezeigt, dass diese Flucht in die Unwissenheit nicht erst mit der Niederlage 1945 begann, sondern schon 1943 einsetzte. Die Menschen begannen zu ahnen, dass eine Zeit kommen würde, in der es besser war, wenn man von nichts gewusst hatte. Diese „Flucht in die Unwissenheit“ (Longerich) war die Voraussetzung für einen Neubeginn, den man nach Kriegsende mit dem Mythos von der „Stunde null“ zu legitimieren suchte.

Zum diesem Mythos gehörte auch, dass zwar nicht zu leugnen war, dass Millionen von Menschen Mitglied der NSDAP gewesen waren, aber diese Feststellung blieb seltsam unkonkret. Irgendwie war keiner so richtig dabei gewesen, mit dem man sprach. Schon in den 50er Jahren tauchten dann die Argumente auf, die die Öffentlichkeit ein halbes Jahrhundert später erneut beschäftigen sollten: Es habe „kollektive Übernahmen“ aus der HJ in die Partei gegeben, so dass es glaubhaft sei, wenn manche behaupteten, von ihrer Parteimitgliedschaft gar nichts gewusst zu haben. 1957 schrieb Hans Buchheim in einem Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, dass „die Möglichkeit einer automatischen Parteiaufnahme etwa für einen Angehörigen des Geburtsjahrganges 1926 nicht völlig auszuschließen“ sei. Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass Martin Broszat, der später die Leitung des Instituts übernahm, genau diesem Jahrgang 1926 angehörte. Als seine NSDAP-Mitgliedschaft im Jahr 2003 bekannt wurde, war Broszat allerdings längst verstorben. Dennoch entspann sich eine lebhafte Debatte, in der Broszats früherer Mitarbeiter Norbert Frei zu insinuieren versuchte, Broszat habe von seiner Parteimitgliedschaft nichts gewusst und habe sie deshalb auch nicht bewusst verschweigen können.

Martin Broszat diente noch in der Wehrmacht, er gehörte dennoch zur sogenannten Flakhelfergeneration der Jahrgänge 1926 und 1927, die meist nicht mehr eingezogen wurden, sondern an der Heimatfront als Flakhelfer eingesetzt waren. Als die NSDAP 1944 neue Mitglieder rekrutierte, nahm sie Angehörige genau dieser beiden Jahrgänge auf, die ihren obligatorischen Dienst in der HJ gerade hinter sich gebracht hatten. Die HJ war ein wichtiges Nachwuchsreservoir für die Partei, deren Führungskader durch Kriegsverluste erheblich reduziert war. Um Mitglied der NSDAP zu werden, bedurfte es allerdings eines ausgefüllten und eigenhändig unterschriebenen Aufnahmeantrags, der viermal geprüft wurde, vom Ortsgruppenleiter, vom Kreisschatzmeister, vom Gauschatzmeister und schließlich vom Reichsschatzmeister, dessen Behörde die Mitgliederkartei verwaltete.

Ohne eigene Unterschrift konnte man zu keinem Zeitpunkt Mitglied werden und in einem kollektiven Verfahren schon gar nicht. An diesem einfachen und klaren Sachverhalt können auch die rabulistischen Versuche von in ihrer Eitelkeit getroffenen alten Herren nichts ändern, „Deutschlands führenden Demokraten“, wie sie im Untertitel von Malte Herwigs Buch genannt werden. Im Buch selbst spricht der Autor sogar von „vorbildlichen Demokraten“. Man kann sich fragen, wie vorbildlich es ist, wenn bedeutende Intellektuelle wie Martin Walser, Walter Jens oder Hans Werner Henze sich drehen und winden und nach allen Regeln der rhetorischen Kunst den schlichten Tatbestand infrage zu stellen versuchen, dass sie in jugendlichem Alter so wie Millionen andere Deutsche auch Mitglied der NSDAP gewesen sind, und zwar deshalb, weil sie zuvor einen Aufnahmeantrag unterschrieben haben.

Malte Herwig hat für sein Buch lange recherchiert, namentlich im Berlin Document Center, das die zentrale Mitgliederkartei der NSDAP verwahrt, einen Bestand von 10,7 Millionen Karteikarten. Parallel zur Archivarbeit hat er mit vielen Betroffenen ausführliche Gespräche geführt. Herwig ist kein Historiker, sondern Germanist. In der Vergangenheit ist er mit Arbeiten über Thomas Mann und Peter Handke hervorgetreten. So ist es nicht überraschend, dass ihn die Fälle der prominenten Schriftsteller besonders interessieren. Günter Grass und Martin Walser sind sogar eigene Kapitel in seinem Buch gewidmet. Aber auch Walter Jens, mit dem Herwig nicht selbst gesprochen hat, Dieter Wellershoff und Erich Loest kommen ausführlich zu Wort. Dabei vermag gerade Loest die Sympathie des Lesers zu gewinnen, denn er ist der Uneitelste unter Herwigs Gesprächspartnern und deshalb der Ehrlichste. Loest ist in der Lage sich vorzustellen, dass er damals genauso verblendet und kurzsichtig war wie Millionen seiner Altersgenossen. Er hat deshalb auch seine Parteimitgliedschaft in seinem Tagebuch selbst öffentlich gemacht, während Walter Jens, als ihn man ihn 2003 damit konfrontierte, dass er sogar schon 1942 in die NSDAP eingetreten war, bekannte, er sei ganz ratlos und könne sich an nichts erinnern. Hier offenbart sich ein verzweifeltes Verdrängungsbedürfnis. Andernfalls wäre das Selbstbild des „führenden Demokraten“ in unerträglicher Weise beschädigt.

Malte Herwig ergänzt seine ausführlichen Gesprächsprotokolle mit einigen allgemeinen Ausführungen. Zu Beginn seines Buches erzählt er noch einmal die spannende Geschichte, wie die von den Nazis eigentlich zur Vernichtung vorgesehene NSDAP-Mitgliederkartei durch den couragierten Einsatz eines Papiermühlenbesitzers gerettet werden konnte. Etwa in der Mitte des Buches ist ein längerer Exkurs zur Situation in der DDR eingeschoben. Natürlich gab es auch dort zahllose Menschen, die in der NSDAP gewesen waren. Aber in der Bundesrepublik war doch in ganz anderer Weise eine mehr als problematische personelle Kontinuität möglich, für die das 1951 wiedererstandene Auswärtige Amt ein bedrückendes Beispiel ist. In Herwigs Buch haben mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher auch zwei ehemalige Außenminister ihren Auftritt. In der DDR gab es eine solche Kontinuität der Funktionseliten nicht. Dass ein ehemaliger Nationalsozialist wie Kurt Georg Kiesinger an die Spitze der Regierung aufrückt, wäre hier nicht denkbar gewesen. In Herwigs Buch findet sich auch kein einziges Beispiel eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds, das in der DDR Karriere gemacht hätte. Er spricht zwar von Deutschlands führenden Demokraten, meint aber nur die Demokraten der Bundesrepublik.

Die Sowjetunion hatte in ihrer Besatzungszone ein kommunistisches Regime etabliert, zu dessen Charakteristika eine Kaderpolitik gehörte, die mit rigorosen Säuberungen einherging. Gleichzeitig verfuhr man pragmatisch mit den Mitläufern, zu ihrer Integration wurde die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) gegründet. Sie sollte „einfachen Parteigenossen“ und unbelasteten Wehrmachtsoffizieren eine Chance geben, sich im Sinne des neuen Staates politisch zu betätigen. Die größte Zahl ehemaliger Nazis nahm allerdings die ungleich größere SED auf, Anfang der 50er Jahre waren es über 100 000 Personen, etwa 8,5 Prozent der Gesamtmitgliedschaft. Ein politisches Kraftzentrum bildeten sie zu keiner Zeit.

Einen zweiten Exkurs widmet Herwig der bundesdeutschen Vergangenheitspolitik. Hierbei macht sich leider nachteilig bemerkbar, dass der Autor die einschlägige Forschungsliteratur dazu nicht rezipiert hat. Ersatzweise präsentiert er uns ein „vernichtendes Urteil“ über die deutsche Geschichtswissenschaft des Schriftstellers Bernhard Schlink, der als Kenner der NS-Historiografie bisher allerdings nicht hervorgetreten ist. Das sind Schwächen eine Buches, das uns aber gleichwohl eine Menge spannender Informationen präsentiert zu der in der Bundesrepublik so überaus einflussreichen Generation der Flakhelfer, die meist zu jung waren, um selbst zu Tätern zu werden, aber allemal alt genug, um lebensgeschichtlich tief verstrickt zu sein in ein politisches System, an das wir uns heute mit größter Abscheu erinnern.



– Malte Herwig:

Die Flakhelfer. Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden. DVA, München 2013. 320 Seiten, 22,99 Euro.

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