Kultur : Generation Viagra

Erotik des Alters: Jack Nicholson und Diane Keaton in „Something’s Gotta Give“

Harald Martenstein

Ein reicher geiler alter Sack (Plattenboss, 62) und seine neueste Eroberung (Ende 20) wollen sich im Wochenendhaus auf Long Island amüsieren. Aber der Sack kriegt einen Herzanfall. Zu viel Viagra. Als Rekonvaleszent verliebt er sich, stark widerstrebend, in die Mutter seiner Freundin (berühmte Autorin, Ende 50). Dieser wird gleichzeitig vom Notarzt des Viagraopfers (35) heftig der Hof gemacht.

Das ist genau der Stoff, aus dem die Stücke in der Komödie am Kurfürstendamm geschneidert sind. Ein bisschen schlüpfrig, ein bisschen konstruiert, ein bisschen banal. Am Ende kommt zusammen, was zusammengehört. Das weiß man ja.

„Something’s Gotta Give“ – deutsch: „Was das Herz begehrt“ – ist trotzdem ein überraschend guter Film, den die Berlinale außer Konkurrenz zeigt. Hübsche Dialoge. Esprit. Witz. Timing. Alles funkelt. Regie und Story: Nancy Meyers, die bisher für kommerziell erfolgreiche, aber nicht sonderlich risikofreudige Drehbücher wie „Schütze Benjamin“ und „Vater der Braut“ bekannt war. Kamera: Michael Ballhaus. Über weite Strecken aber gehört der Film ganz und gar seinen Hauptdarstellern.

Sie scheinen Nancy Meyers für ein paar Drehtage entmachtet zu haben und genehmigen sich eine Großaufnahme und eine klassische Hauptdarsteller-Lieblingsszene nach der anderen. Todesangst, Weinen, Lust, Verzweiflung, Verliebtsein – das ganze Kaleidoskop, als würden sie ein Lehrvideo für die Schauspielschule produzieren. Als wollten Jack Nicholson und Diane Keaton eine Bilanz ihrer Karriere ziehen: der ironisch gebrochene Macho und die Großstadtneurotikerin. Sie zitieren ihre alten Filme, die, im Falle von Nicholson, bei der Berlinale in der Retrospektive laufen. Das macht Spaß. Es ist bester Mainstream. Wichtiger ist etwas anderes.

„Something’s Gotta Give“ handelt von den sexuell aktiven Alten und von einem veränderten Frauenbild. Der ältere Herr mit der jungen Geliebten ist ein gut erforschtes Phänomen, jetzt endlich sind auch die Frauen über 50 kein Neutrum mehr. Sie haben in ihrem Job Erfolg, begehren junge Männer und besitzen auch nach den Wechseljahren einen Unterleib. So etwas war im amerikanischen Mainstream-Kino lange tabu, aber Hollywood zeigt wieder einmal seine Lernfähigkeit und Instinkt für neue Stimmungen.

Keaton hat, vermutlich zum ersten Mal, eine Nacktszene und macht mit dem jungen Arzt Liebesurlaub in Paris. Nicholson zeigt ausgiebig seinen Arsch. Beide sehen dabei keinen Tag jünger aus, als sie sind. Nicholson wirkt, wenn man mal ehrlich ist, aufgedunsen und heruntergekommen, Keaton ist mindestens so verwittert wie Clint Eastwood. Trotzdem glaubt man beiden ihren Sexappeal. „Something’s Gotta Give“ feiert die Erotik des Alters, eine Erotik, die ihre Anziehung nicht mit den Körpern begründet, sondern mit etwas anderem.

Der Film ist klug genug, das Altern nicht platt zu verherrlichen. Er zeigt auch Verfall, Ängste, Torschlusspanik. Die Alten sind hier weder weise noch lächerlich. Sie sind genauso wie junge Leute, nur eben mit Erfahrungen und Falten.

Einer so liebenswerten Komödie verzeiht man es gerne, wenn sie zu viele Viagra-Witze macht und im letzten Viertel etwas hüftsteif wird. Stars wie Keanu Reeves und Frances McDormand leistet man sich hier für Nebenrollen. McDormand hat zwei, drei hinreißende Auftritte als Dozentin für feministische Studien. Reeves gibt den Arzt, den Nebenbuhler von Nicholson. Er hat hauptsächlich gut auszusehen. Dass er bescheiden den Teppich ausrollt für Nicholson und Keaton, legt den Schluss nahe. dass Reeves auf eine Karriere als „Matrix“-Actionheld keinen Wert legt. Noch eine gute Nachricht: Keanu Reeves will nicht Held werden, sondern Schauspieler bleiben.

Heute, 22.30 (Berlinale-Palast), morgen 15 und 18.30 Uhr (Royal-Palast), 22 Uhr (International). Filmstart am 12. Februar

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