• Genforschung: Auf Recht und Gewissen. Wie Genmediziner auf den Brief der Justizministerin reagieren

Kultur : Genforschung: Auf Recht und Gewissen. Wie Genmediziner auf den Brief der Justizministerin reagieren

Sabine Beikler

Der Stuttgarter Facharzt für Humangenetik, Helmut Heilbronner, wollte es genau wissen und schrieb Justizministerin Herta Däubler-Gmelin Anfang Februar einen Brief. Sie möge ihn doch bitte darüber in Kenntnis setzen, ob sich Ärzte in Deutschland strafbar machen, wenn sie bei im Ausland durchgeführter Präimplantationsdiagnostik (PID) vermittelnd oder mitbetreuend tätig werden. Eine Woche später, am 12. Februar, schickte Däubler-Gmelin ihre Antwort zurück. Der Inhalt ist deutlich: Ein deutscher Arzt kann sich nach Aussage der Justizministerin strafbar machen, wenn er eine Patientin an einen ausländischen Kollegen weitervermittelt. Er unterstütze damit "eine nach deutschem Recht strafbare Handlung".

Seitdem kursiert das Schreiben der Justizministerin in Ärztekreisen und wird von vielen Medizinern als "Maulkorberlass" betrachtet. Heribert Kentenich, Chefarzt der Berliner Frauen- und Kinderklinik Pulsstraße mit Schwerpunkt Kinderwunsch, kommentiert die Aussage der Justizministerin so: "Däubler-Gmelins Antwort bringt die betroffenen Paare und Ärzte in größte Not, die nicht zu rechtfertigen ist." Das "juristische Abschneiden" der Ärzte von einer optimalen Beratung sei medizinisch "unethisch". Das treffe einerseits für Paare mit Kinderwunsch zu, denen nur mit einer Eizellspende - im Ausland - geholfen werden könne, als auch für Paare, deren Kinder durch Gendefekte der Eltern zweifellos unheilbare und nicht therapierbare Krankheiten hätten. Die betroffenen Frauen befänden sich in einer psychischen Notlagensituation. "Ich bin als Mediziner meinem Gewissen dahingehend verpflichtet, diese schlimme Situation für die Patientin zu lindern", sagt Kentenich, zugleich Mitglied in der Ethikkommission der Berliner Ärztekammer.

Auch Mitarbeiter der humangenetischen Beratungsstellen sind über das Schreiben von Däubler-Gmelin brüskiert. Man werde keine Patientin abweisen und ihr die "volle Information" zukommen lassen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Viele Humangenetiker bringen sich jetzt so aus dieser Bredouille: Jede Patientin könne sich doch unverfänglich im Internet über PID informieren oder eben mit ausländischen Zentren per E-mail korrespondieren. Liegt dann dem deutschen Arzt eine Einverständniserklärung der Patientin vor, leitet der die Befunde an die ausländischen Zentren einfach weiter - via Internet.

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