Kultur : Genforschung: USA: Embryonen für Forschung erzeugt

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Die Gentechnik hat eine weitere Grenze durchbrochen. Wissenschaftler in den USA haben nach übereinstimmenden Berichten mehrerer amerikanischer Zeitungen erstmals embryonale Stammzellen aus Embryonen gewonnen, die sie ausschließlich für ihre Forschungszwecke erzeugt hatten. Die bisherige Praxis war es, solche Stammzellen aus Embryonen zu gewinnen, die bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, warf den amerikanischen Forschern rein kommerzielle Interessen vor.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Die Forscher am Jones-Institut für Fortpflanzungsmedizin in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) sagten Zeitungsberichten zufolge, dass sie ihre Methode zuvor von Kirchenvertretern, Ethikern, Juristen und anderen Experten unter ethischen Gesichtspunkten hätten prüfen lassen. Dabei sei herausgekommen, dass die Verwendung von ausschließlich zu Forschungszwecken gezeugten Embryonen ethische Vorteile habe, da die beteiligten Paare von vornherein wüssten, dass ihre Embryonen für solche Zwecke verwendet werden. Zur Erzeugung der Embryonen entnahmen die Forscher zwölf Frauen insgesamt 162 Eier. Diese wurden mit Spendersamen befruchtet. Auf diese Weise wurden 50 Embryonen erzeugt. 40 dieser Embryonen wurden vernichtet, um daraus die Stammzellen zu gewinnen.

Die Vorgehensweise der Forscher wird die Diskussion um die Forschung mit embryonalen Stammzellen in den USA weiter anheizen. Präsident George W. Bush steht derzeit vor der Entscheidung, ob er Bundesmittel zur Förderung dieser Forschung freigibt. Zu den Medienberichten nahm er am Mittwoch zunächst nicht Stellung. Gegner der Stammzellenforschung argumentierten, die Forschung in Virginia habe die wahren Interessen der Wissenschaft entlarvt. Douglas Johnson vom "National Right for Life Committee" sagte, die Befürworter der Forschung hätten versichert, nur Embryos zu töten, die als Nebenprodukte einer künstlichen Befruchtung anfielen. "Die Berichte zeigen, wie falsch diese Versicherung war."

Winnacker kritisierte den amerikanischen Tabubruch. Es sei gut, dass es in Deutschland ein Embryonenschutz-Gesetz gibt, das dergleichen verhindere. Außerdem, erklärte Winnacker, könne er in dem Vorstoß "keinerlei wissenschaftlichen Durchbruch" sehen. Für die Forschung gebe es weltweit bereits genug Stammzell-Linien, die unbegrenzt vermehrbar seien. Insofern liege die Vermutung nahe, dass hinter der Stammzellen-Herstellung der amerikanischen Forscher rein kommerzielle Interessen steckten. Der Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Rüdiger Wolfrum, erinnerte daran, dass sich die DFG in ihrer Stellungnahme vom 3. Mai ausdrücklich gegen die Herstellung von Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen ausgesprochen habe. Dies, so DFG-Sprecherin Eva-Maria Streier, habe auch "mit dem Respekt vor der Würde der Frau" zu tun.

Der Vorsitzende des Nationalen Ethikrats, Spiros Simitis, fordert nun schnelle Entscheidungen. "Wir dürfen die wichtigen Entscheidungen bei der Gentechnik nicht mehr beliebig lange hinausschieben. Jetzt müssen wir klare Richtlinien festlegen. Es zeigt sich ja, dass wir es nicht mit abstrakten Horrorszenarien zu tun haben, sondern mit konkreten Vorgängen."

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