Kultur : Geniale Gehirne

Marius Meller

Was geht eigentlich im Hirn eines Hirnforschers vor, wenn er hirnforscht? Hirnphysiologisch gesehen nichts anderes als in einem Pilzforschergehirn, das Pilze erforscht. Mit einem Unterschied: Der Pilzforscher, ist er seriös, wird nicht versuchen, die ganze Welt vom Pilz her zu erklären. Der Hirnforscher aber weiß, dass alles, was wir über die Welt wissen, hindurch muss durch’s Gehirn, dass die Welt eigentlich in unserem Gehirn ist. Das ist die Chance des Hirnforschers. An den Hirnforschern, denken die Hirnforscher, kommt künftig keiner mehr vorbei. Und elf besonders berühmte von ihnen verkünden nun in der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ ihr „Manifest“. Sie geben sich kokett bescheiden: Erst in den „nächsten 20 bis 30 Jahren“ sei man so weit, „widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge“ anzusehen, denn, man höre und staune, „sie beruhen auf biologischen Prozessen“. Die Geistes- und die Neurowissenschaft müssten dann „in einen intensiven Dialog treten, um gemeinsam ein neues Menschenbild zu entwerfen“. Hier scheint das Hirnforscherhirn ein wenig beschwipst, denn spätestens seit Nietzsche und William James (seit über 100 Jahren) ist die Philosophie mit kaum etwas anderem beschäftigt, als ein „neues“ Menschenbild zu entwerfen, das von eben dieser Prämisse ausgeht: Phänomene sind natürlich bedingt. Auch vor der Hirnforschung ahnte man nämlich: Ein Kopf hört auf zu denken, wenn man draufhaut. Ob der Kopf ein gebildetes Gehirn enthält oder ein ungebildetes, spielt dabei keine Rolle.

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