Kultur : Genies auf der Tribüne

Der Schriftsteller Péter Esterházy über die Gabe des Fußballspiels

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Herr Esterházy, sind Sie froh, dass Lothar Matthäus nicht mehr Trainer der ungarischen Nationalmannschaft ist?

Ein bisschen. In Ungarn sagt man: Nützt nichts, schadet nichts. Ich glaube, dass Matthäus keine Chance hatte. Aber es gibt mit Sicherheit auch bessere Trainer.

Haben Sie einen Wunschnachfolger?

Es geht schon gar nicht mehr um eine Person, es geht um strukturelle Probleme. Die Situation im ungarischen Fußball ist so unter allem Niveau, dass man nur noch staunen kann.

Interessieren Sie sich noch für die Nationalmannschaft?

Ich habe diese Reflexe noch, aber ein Fan bin ich praktisch nicht mehr. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mir ein Fußballspiel der Ungarn nicht im Fernsehen anschaue. Inzwischen ist das anders. Ich habe ja noch die Fantasie.

Gehen Sie noch ins Stadion?

Selten, obwohl ein Fußballspiel im Fernsehen etwas ganz anderes ist. Man sieht einerseits mehr, durch die Nahaufnahmen zum Beispiel. Aber man erkennt nur die Virtuosität der Fragmente, man sieht das Ganze nicht. Und gerade das ist doch das Schöne an diesem Spiel: dass man die Vielzahl der taktischen Möglichkeiten erkennt, und dass ein genialer Spieler genau das sieht, was ich sehe; denn der Zuschauer ist natürlich der Genialste.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern, die sich mit Fußball beschäftigen, haben Sie selbst gespielt.

Ja, aber das ist vorbei. Ich bin zu alt. Nach 50 spielen die Muskeln nicht mehr mit, die Bewegungen werden anders. Das ist dann nur noch eine Parodie.

Erinnern Sie sich noch an Ihr fußballerisches Initiationserlebnis?

Ich erinnere mich, dass dieses Erlebnis fehlt, dass ich schon immer Fußball gespielt habe. Meine so genannte Jugend besteht in meiner Erinnerung ausschließlich aus Fußball und Lesen. Fußball war alles für mich, Weisheit und Spiel.

Wie hat sich Ihre Sicht auf den Fußball verändert, seitdem Sie nicht mehr spielen?

Eine Zeit lang gar nicht. Ich sehe im Fußball auch viel weniger, als es andere Schriftsteller tun. Ich sehe zum Beispiel diese schreckliche Umgebung nicht, diese Aggressivität, die schrecklichen Fans, für die Fußball eine Ersatzreligion ist. Ich sehe nur dieses Viereck.

Viele Schriftsteller fühlen sich gerade vom Fansein fasziniert.

Mich beeindruckt das Spiel als solches. Ein geniales Spiel, mit einer faszinierenden Komplexität, die andere Spiele nicht haben. Basketball zum Beispiel ist durchschaubar. Es ist kein Zufall, dass man im Basketball sagen kann: Wir spielen jetzt Spielzug Nummer vier. Und dann kommt eine eingeübte Variation. Im Fußball ist es doch unvorstellbar, dass Zidane sagt: Wir spielen jetzt Spielzug Nummer drei. Fußball fasziniert durch dieses schöne, nicht immer einfache Verhältnis zwischen Ich und Wir. Es kommt selten vor, dass ein Spieler sagen kann: Die Mannschaft war miserabel, aber ich habe gut gespielt.

Ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Marton hat für die ungarische Nationalmannschaft gespielt. Wie schwer war es für Sie anzuerkennen, dass er der bessere Fußballer ist?

Gar nicht. Das war sehr schön, weil es lange nicht abzusehen war. Ich spielte als Zehnjähriger besser, als er es mit zehn Jahren tat. Erst als er 16 war, geschah etwas mit ihm. Auf einmal wurde er besser. Ihn in großen Stadien spielen zu sehen, gegen große Mannschaften wie Real Madrid – das war für einen kleinen Fußballer wie mich wirklich märchenhaft.

Erinnern Sie sich noch an sein erstes Spiel bei der Weltmeisterschaft 1986?

Wollen wir darüber wirklich sprechen? Schrecklich, schrecklich. Sowohl sportlich als auch politisch.

Ungarn hat 0:6 gegen die UdSSR verloren.

Ich habe dieses Spiel alleine im Fernsehen angeschaut und meinen Augen nicht getraut. Dabei ist das Ergebnis nicht zufällig zustande gekommen. Wenn eine Mannschaft Symbol für etwas sein soll, ist das nie gut.

Wieso haben Sie sich dieses Spiel alleine angeschaut?

Ich habe das gern. Wenn man in Gesellschaft ist, beginnt man über das Spiel zu reden, und dann sieht man es nicht. Fußball ist für mich keine gesellschaftliche Angelegenheit, um mich mit Freunden zu amüsieren. Ich habe Achtung vor dem Spiel.

Herr Esterházy, wer war der beste Fußballer aller Zeiten: Pelé oder Maradona?

Ich glaube, Pelé – obwohl mein Bruder Maradona einmal sehr schön beschrieben hat. Er hat einmal gegen ihn gespielt und sagte: Wir standen einfach nur da und schauten zu, als ob ein Engel spielte.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Einen „guten Fünftligaspieler“ nennt er sich: Péter Esterházy , 1950 in Budapest geboren, redet nicht nur über Fußball. Er hat selbst Erfahrungen auf dem Spielfeld. Der ungarische Schriftsteller („Harmonia Caelestis“, „Eine Frau“) wurde 2004 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Am 20. und 21. Januar läuft er in Berlin auf – zum Treffen der „Kopfballspieler“ im Museum für Kommunikation. Finale ist am Sonnabend um 19.30 Uhr: Esterházy und seine Kollegen

Henning Mankell,

Ryszard Kapuczinski, Javier Marias und Per Olov Enquist treffen auf die Fußballweltmeisterin Nia Künzer , den Schiedsrichter

Bernd Heynemann , den Trainer Ralf Rangnick und den Ex-Hertha-Stürmer Michael Preetz . Die Kopfball-Debatte gehört zum Kulturprogramm der WM 2006.

Informationen: www.dfb- kulturstiftung.de

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