Kultur : Genosse Geschichte

Gralshüter, Plebejer und der große Einsame : der 17. Juni 1953 und die Literatur

Helmut Böttiger

Das Schöne am 17. Juni war immer, dass das Wetter gut war. Viel besser als im Oktober oder November, den eigentlichen deutschen Monaten. Man bekam in der Schule Kerzen ausgehändigt, die man am Abend vors Fenster stellen und anzünden sollte; einige Länderwappen klebten wächsrig an ihnen („Anhalt“ zum Beispiel, „Mecklenburg“ oder „Provinz Sachsen“), dazu die Aufschrift: „17 Millionen die Treue!“ Blieb die Kerze versehentlich tagsüber stehen, zerschmolz sie von allein in der Sonne. Ansonsten spielte der 17. Juni keine Rolle.

Auch die Schriftsteller schenkten ihm keine größere Aufmerksamkeit. In der DDR war er eines der doch recht zahlreichen Tabuthemen, und im Westen störte es die meisten Autoren, wenn sie allzu genau auf die DDR schauen mussten. Nur Günter Grass fiel ein bisschen heraus: 1966 wurde sein Stück „Die Plebejer proben den Aufstand“ am Berliner Schiller-Theater uraufgeführt. Da sitzt am 17. Juni 1953 der „Chef“ in seiner Ost-Berliner Probebühne und werkelt an der recht schwierigen Inszenierung des „Coriolan“ von Shakespeare, schließlich handelt es sich um einen Aufstand der römischen Plebejer. Der reale Aufstand um die Ecke kommt ihm dann auch noch dazwischen, aber gewitzt wie er ist, baut er ihn gleich in die aktuelle Inszenierung mit ein.

Grass hat dabei natürlich den alten Meister Bert Brecht im Blick und das leidige Verhältnis von Kunst und Politik, Theorie und Realität. Und es ist Brechts Frau Helene Weigel, die im Stück als „Volumnia“ agiert und den „Chef“ anraunzt: „Was bist du doch für ein mieser Ästhet! Aus Arbeitern hast du Komparsen gebacken, wie man Plätzchen backt.“ Worauf der Chef die großen Worte spricht: „Die Massen wird man auseinander treiben; dies Material jedoch wird bleiben.“

Welchen Charakter die Demonstrationen des 17. Juni 1953 genau hatten, wird im Stück von Grass nicht problematisiert. Es ist zwar der einzige Versuch, die westliche Sichtweise eines demokratischen Aufstands gegen die SED-Diktatur künstlerisch umzusetzen, doch eigentlich geht es um etwas anderes: um die Problematisierung des politischen Künstlers. Grass mag, im Vorfeld der 68er-Bewegung, da einiges vorausgeahnt haben. Schon wurde er, der sozialdemokratische Recke, von allen möglichen Kollegen links überholt, die ungestüm alles über Bord warfen, wofür er kämpfte. Mittlerweile sind diese Kollegen beileibe nicht mehr linksradikal, selbst das harmlose „linksliberal“ ist für sie zum Schimpfwort geworden – während Grass bis heute blieb, was er war. Vielleicht ist das „Plebejer“-Stück zeitloser, als es damals schien.

In der DDR war es gar nicht so einfach, nicht über den 17. Juni zu schreiben. Das sieht man an der Wendigkeit der Autoren, die sich des Themas annahmen, indem sie es nicht annahmen: Werner Reinowski („Die Versuchung“, 1956), Eduard Claudius („Von der Liebe soll man nicht nur sprechen“, 1957) und auch Anna Seghers in ihrem missglückten Positiv-Roman „Das Vertrauen“ von 1968 sprechen den 17. Juni irgendwie nebenbei an – klar, dass dabei die Ewiggestrigen oder der Westen die Schuld haben. Es fällt aber auf, wie Stephan Hermlins Erzählung „Die Kommandeuse“ in die Vollen greift: Eine ehemalige SS-Aufseherin aus dem KZ Ravensbrück wird am 17. Juni von Reaktionären aus dem Gefängnis befreit und hält auf dem Marktplatz aufrührerische Reden. Danach wird sie von der Volkspolizei verhaftet und sofort zum Tode verurteilt. Hier wird die DDR-Lesart des „faschistischen Putschs“ am deutlichsten vorgeführt. Hermlin griff dabei auf eine vermeintlich reale Begebenheit zurück, deren Umstände bis heute nicht vollständig geklärt sind.

Eine interessante Volte schlug Heiner Müller. Sein Stück „Germania Tod in Berlin“ ist 1956 geschrieben, 1971 überarbeitet und 1978 uraufgeführt worden, und zwar im Westen. Es handelt sich um 14 verschiedene Szenen. In „Die Brüder 2“ wird am 17. Juni ein Kommunist in eine Gefängniszelle gesteckt. Dort befinden sich bereits sein Bruder, ein Nazi, sowie der „Brückensprenger“ und der Mörder „Ghandi“. Als der Aufstand niedergeschlagen ist, hört der Kommunist voller Freude „die Internationale, gesungen von den Panzerketten“. Darauf stürzen sich die anderen drei auf ihn. In der Szene „Das Arbeiterdenkmal“ wird der Streikaufruf nur von alten Nazis und einigen vom Rias aufgehetzten Reaktionären befolgt. Der alte Maurer, der als einziger unbeirrt weiterarbeitet, wird vom Mob gesteinigt. „Germania Tod in Berlin“ ist eine solch übersteigerte Lobpreisung der Staatsidee der DDR, dass sie sofort in ihrer Künstlichkeit erkannt wird: DDR-Manierismus. Deswegen hinterließ dieses Stück gerade bei den DDR-Oberen ein ziemlich flaues Gefühl.

Die einzige einigermaßen sachliche Darstellung hat Stefan Heym versucht, allerdings in mehreren Anläufen. Heym war Anfang 1952 aus Protest gegen McCarthy aus seinem US-Exil in die DDR übergesiedelt, und der angelsächsische Reportagestil, den er sich angeeignet hatte, zwang ihn förmlich dazu, die Ereignisse des 17. Juni schriftstellerisch zu verarbeiten. Das Manuskript war nach den sich zwangsläufig ergebenden Schwierigkeiten erst 1959 fertiggestellt, es hieß „Der Tag X“. Obwohl der Text der offiziellen Sicht eines vom Westen gesteuerten Putschversuchs folgte, wurde er nicht gedruckt: Das Thema war an sich verpönt. Anfang der Siebzigerjahre arbeitete Heym das Manuskript um, ging „analytisch“ vor und kritisierte auch die DDR-Führung. Unter dem Titel „5 Tage im Juni“ erschien das Buch schließlich 1974 in der Bundesrepublik.

Literarisch ist es unbedeutend – stilistisch banal, mit plakativer Personenzeichnung und hemdsärmeligen Dialogen –, als zeitgeschichtliches Dokument aber bemerkenswert: Heym arbeitet mit vielen authentischen Zitaten und Materialien, die die Widersprüchlichkeit der SED- Verlautbarungen genauso zeigen wie den Einfluss westlicher Gruppen. Am Ende stellt die Hauptfigur Witte, seines Zeichens Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung des VEB Merkur die Frage: „Für wen hütete man den Gral? Und wer hatte die Gralshüter ernannt?“

Etwas Ähnliches beschäftigte damals auch Brecht. Für ihn waren die Folgen des Nationalsozialismus noch lange nicht beseitigt, die Untertanenmentalität, das falsche Bewusstsein; die volkspädagogische Arbeit in der DDR brauchte also einen langen Atem. Brecht war aber schon einige Male heftig mit den Kulturfunktionären aneinandergeraten, und er vermutete, dass die Politiker auf dem ökonomischen und sozialen Feld genauso dilettantisch agierten wie auf dem kulturellen. Er plädierte immer für die breite Diskussion.

Sein Brief an Ulbricht, den er am Morgen des 17. Juni formuliert, drückt die Kalamitäten aus: „Werter Genosse Ulbricht, die Geschichte wird der revolutionären Ungeduld der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ihren Respekt zollen. Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und zu einer Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszudrücken. Ihr Bertolt Brecht.“ Das „Neue Deutschland“ druckte nur den letzten Satz ab und unterschlägt die beiden listig-kritischen Wortfindungen „revolutionäre Ungeduld“ und „große Aussprache mit den Massen“.

In den Wochen und Monaten nach dem 17. Juni 1953 befindet sich Brecht in einer Phase des Zweifels. „der 17. juni hat die ganze existenz verfremdet“, schreibt er in sein „Arbeitsjournal“. Das Ergebnis sind die „Buckower Elegien“, in ihrer Schlichtheit und Klarheit große lyrische Texte. Nur in dem berühmten Gedicht „Die Lösung“ spielen die Ereignisse des 17. Juni eine konkrete Rolle: Es bezieht sich auf den Sekretär des Schriftstellerverbands Kurt Barthel (Kuba), der sich in einem Gedicht für die Demonstranten des 17. Juni „schämte“. Brechts berühmte Schlusszeilen lauten: „Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung/Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?“

Die anderen Gedichte, darunter so schöne wie „Der Radwechsel“, „Der Rauch“, „Tannen“ oder „Rudern, Gespräche“, bleiben allgemeiner. Gerade weil sie nicht direkt darauf reagieren, sind sie die eindringlichste literarische Verarbeitung des 17. Juni. Es war allerdings gewiss nicht im Sinne Brechts, dass ihm damit ausgerechnet eine Ästhetik des Scheiterns glückte.

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