Kultur : Genozid – bitte nicht stören

Hans-Werner Kroesingers Dokumentartheaterstück „Darfur – Mission incomplete“ im Berliner HAU 3

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Landeskunde in der Bastelstunde. Nicola Schößler und Armin Dallapiccola erforschen den Sudan. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
Landeskunde in der Bastelstunde. Nicola Schößler und Armin Dallapiccola erforschen den Sudan. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

„Wie viele Stunden noch bis zur Unabhängigkeit?“, fragt die Angestellte aus dem internationalen Beziehungsbusiness (Judica Albrecht) ihren Kollegen (Lajos Talamonti). „48“, antwortet der. Die beiden stehen vor einer großen Karte des Sudans und nicken zufrieden. 45 Minuten lang haben sie die Landesgeschichte rekapituliert und sind pünktlich zum Dienstschluss beim aktuellen Referendum gelandet, in dem über die Sezession des Südens entschieden wird. Sie haben die Lage in Darfur erörtert, Fakten auf den Konferenztisch gelegt, Argumente hin und her gewendet, Scheinargumente entlarvt.

„Und jetzt Iran?“ Die beiden internationalen Experten sind sich schnell einig: „Machen wir morgen!“

In seiner neuen Arbeit „Darfur – Mission incomplete“ im HAU 3 untersucht der Dokumentartheaterregisseur Hans- Werner Kroesinger in gewohnter Komplexität einen Krieg, der bereits mehr als 400 000 Menschen das Leben kostete. Minuziös beschreibt er dessen komplizierte Vorgeschichte, analysiert die Ethnisierung und Instrumentalisierung des Konflikts mit allen eskalativen Konsequenzen und bespiegelt die Rolle der Zentralregierung in Khartum ebenso gründlich wie die der Nachbarländer Tschad und Libyen. Er benennt die ökonomischen Interessen Chinas, des wichtigsten Handelspartners der Republik Sudan, und lässt zwischendurch immer wieder Augenzeugen zu Wort kommen: Kinder, die noch nie etwas anderes als verbrannte Dörfer, Soldaten, Panzer und Leichenberge gemalt haben. Vor allem aber kommt Kroesinger – ähnlich wie bei seiner Arbeit „Ruanda Revisited“ vor zwei Jahren – immer wieder auf die lavierende Haltung der internationalen Gemeinschaft zurück. Und das gelingt ihm und seinen vier Schauspielern, die mit punktgenauer Zurückhaltung agieren, völlig undidaktisch.

Das Publikum wird zu Beginn des Abends in zwei Gruppen unterteilt: Die erste nimmt an der internationalen Konferenz in einem Kellerraum des HAU 3 teil. Die zweite sieht den Schauspielern Nicola Schößler und Armin Dallapiccolla im Theatersaal dabei zu, wie sie sich der Historie des Sudan mit Spieluntensilien annähern – bei den um 280 v. Chr. erbauten Pyramiden von Meroe angefangen. Nach einer Dreiviertelstunde tauschen beide Gruppen die von Kroesingers Stammbühnenbildnerin Valerie von Stillfried kongenial ausgestatteten Räume.

Während die Experten aus dem Konferenzkeller den Krieg in adäquater Diplomatenhaltung beleuchtet hatten, begegnet man anschließend in Schößler und Dallapiccola zwei Durchschnittsvertretern des westlichen Kulturbürgertums. Politisch durchaus interessiert, versuchen sie sich die Lage mithilfe kleiner Plastiktiere, Masken und Landkarten so präzise wie möglich zu vergegenwärtigen. Ab und zu kommt auch ein Würfel ins Spiel, auf dem man Optionen wie „Genozid“, „Bitte nicht stören“ oder schlicht „Ja“ auspokern könnte. Armin Dallapiccolla hat sich einen „Save-Darfur“-Button ans Revers geheftet. Auch Schößler gerät im Verlauf des Abends mal ins Demo-Fieber und hält beflissen ein „Genozid“- Pappschild in die Höhe. Eine durchaus zweischneidige Sache, wie Julie Flint und Alex de Waal in ihrem Buch „Darfur. A New History of a Long War“ reflektieren, das auszugsweise im hoch informativen Programmheft abgedruckt ist: Die mediale Aufladung des Konflikts als Genozid habe die internationale Öffentlichkeit zwar einerseits überhaupt erst mobilisiert und politische Institutionen zum Handeln gebracht. Andererseits machte sie aber auch eine Simplifizierung des Konflikts notwendig und trug damit, „bewusst oder unbewusst, mitunter zur Verschärfung der Lage vor Ort bei“.

Die große Qualität von Kroesingers Arbeit besteht einmal mehr darin, solche Ambivalenzen, Dialektiken und Dynamiken in aller Komplexität herauszuarbeiten.

Am Schluss kommen beide Publikumsgruppen zum Finale im Theatersaal noch einmal zusammen. Sie hören Stimmen zu internationalen Konflikten. Zum Beispiel die von Barack Obama, die von George Clooney oder die der Veranstalter des Berliner Protestmarsches „5 vor 12“ im April 2007: „Beginn 10 Uhr, Pariser Platz, Schlusskundgebung 11.55 Uhr, Potsdamer Platz. Bitte bringen Sie Wecker mit!“

Wieder 16.-18.1., 20 Uhr

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