Kultur : Genozid: Die Ohren, der Hals, das Gesicht

Brigitte Böttcher

"Ich weiß, was uns bevorsteht, meine Eltern wissen es nicht. Ich habe mich innerlich soweit durchgerungen, dass ich auch den Tod ertragen kann." Als Robert Reinhardt diese Zeilen schreibt, ist er 14, auf dem Weg nach Auschwitz. Es ist ein Abschiedsbrief an seine Pflegerinnen in dem katholischen Kinderheim, von dem aus er deportiert wurde: weil er der Sohn einer Sintezza war - und somit in den Augen der NS ein "Zigeuner".

Roberts Geschichte ist Teil der ersten Ausstellung zum national-sozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma, die jetzt in der Berliner Staatsbibliothek gastiert. Bewusst machen will sie, dass dieses Volk in gleicher Weise wie das jüdische Opfer des Holocaust war. "Wir möchten endlich Aufnahme in die Geschichtsbücher und die Arbeit der Gedenkstätten erfahren", sagte der Vorsitzende der Berliner Sinti und Roma, Otto Rosenberg, zur Eröffnung. Rund eine halbe Million "seiner Menschen", wie er sie nennt, kam im "Dritten Reich" zu Tode. Von der Bundesregierung wurde dieser Genozid erst 1982 als solcher anerkannt. Die ausgestellten Dokumente allerdings lassen keinen Zweifel daran, dass es von vorne herein erklärtes Ziel der NSDAP war, die gesamte Volksgruppe "auszumerzen". "Zu den artfremden Rassen gehören in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner", schrieb Reichsinnenminister Frick 1936.

Solche Sätze, die die Vernichtungspolitik gegenüber der Minderheit Stück für Stück nachzeichnen, sind in der Staatsbibiliothek in direktem Zusammenhang mit persönlichen Berichten, Fotos und Briefen von Überlebenden und Ermordeten zu sehen; differenziert werden die beiden Ebenen der Täter- und der Opferperspektive lediglich durch die Farbgebung des Hintergrunds. Ein einfaches, effektvolles Konzept.

Eines der Fotos zeigt "Mitarbeiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle bei ihren pseudo-wissenschaftlichen Untersuchungen." Daneben hängt der Befehl Heinrich Himmlers, indem er 1938 anordnet, "dass alle Zigeuner (...) zu erfassen sind." Unkommentiert, auf der zweiten Ebene, liest der Betrachter folgende Zeilen: "Wir Kinder mussten uns nacheinander auf einen Stuhl setzen, mussten den Mund öffnen und bekamen mit einem seltsamen Instrument den Rachen ausgemessen, danach die Nasenlöcher, die Augenweite, die Ohren innen und außen, das Gesicht, den Hals, alles, was überhaupt zu messen war." Dazu eine Fotoserie mit Kindern, die den Kopf in den Nacken legen, dem Objektiv ihre Nasenlöcher präsentierend. Dokumentiert wird hier nicht zuletzt, wie die Wahrnehmung von "Andersartigkeit", gepaart mit Abwehr und Angst, zur Ausgrenzung führen kann: zur Selektion und Vernichtung.

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