Genre-Kino : "Drive": Der heißkalte Engel

"Blue Valentine", "The Ides of March" - und jetzt "Drive": Mit drei höchst unterschiedlichen Filmen wurde Ryan Gosling zum Star. Diesmal gibt er den einsamen Wolf in einem ungewöhnlichen Actionfilm. Und die wunderbare Carey Mulligan ist auch dabei.

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Ryan Gosling spielt einen Stuntman, der nachts Einbrecher chauffiert.
Ryan Gosling spielt einen Stuntman, der nachts Einbrecher chauffiert.Foto: Universum

„Drive“ ist eine vollkommene Film-Erfindung, gemacht aus der Liebe zu Billiarden gespeicherter Bilder und der puren Lust, ihnen eine weitere, höchst überschaubare Anzahl hinzuzufügen. Reines Kino aus dem Gedächtnis des Kinos – und doch völlig neu. Weil jede Szene so beiläufig real erscheint, als müssten sich die Schauspieler gerade jetzt vor unseren Augen durch ein tatsächliches Leben bewegen.

„Drive“ ist wortkarg. Wollte man die Buchstabenausbeute der Dialoge auf Texttafeln bannen, so wäre sie womöglich geringer als beim aktuellen Oscar-Favoriten „The Artist“. Gleichzeitig sagt jede noch so schmale Regung der Gesichter soviel Ungesagtes, dass sich jedweder mögliche Mitteilungsstau verflüchtigt. Nichts ist auserklärt, und kein Rest bleibt.

„Drive“ ist brutal lakonisch und lakonisch brutal. Ein Actionfilm mit Verfolgungsjagden, Schießereien, body counts, letztere zwar im einstelligen Bereich, aber sonst das ganze Programm – und mit so plötzlicher Gewalt, als wär’s ein Stück von Tarantino. Und zugleich von einer absolut untarantinesken Zartheit in zauberisch langsamen Szenen, in denen nahezu nichts passiert. Eine stumme Fahrt zum Brackwasserfluss, ein Klopfen an einer Wohnungstür, eine Hand, die sich auf eine andere legt, solche Sachen. Das Unvergessliche eben.

Der Held hat keinen Namen, es sei denn jenen des jungen Schauspielers Ryan Gosling, der das amerikanische Kino seit „Blue Valentine“ und „The Ides of March“ aufmischt wie lange kein Schauspieler mehr. Nur brilliert er hier nicht als charmanter Nobody, der sich in einen früh verbrauchten Ehemann verwandelt, nicht als geltungssüchtiger Wahlkampfmanager, sondern – als Fahrer. Ein Mann irgendwie ohne Eigenschaften: Tags jobbt er als Stuntman und in der Reparaturwerkstatt, nachts stellt er seine Fluchtfahrkünste – fünf Minuten Wartezeit, keine Sekunde länger! – Einbrechern zur Verfügung. So geht das, tagaus, nachtein. Ein Leben low profile, tiefer gelegt geht’s nicht.

Man kann diesen auf einem Zahnstocher kauenden Helden in seinem skorpionbestickten Silberjäckchen mit jenen maulfaulen Figuren vergleichen, die durch Clint-Eastwood-Thriller geistern, oder mit dem mimisch nahezu auf Null gestellten Alain-Delon-Samurai. Das trifft es – und trifft es nicht. Denn dieser Fahrer ist kein bezahlter Killer, er hat keine Pistole im Handschuhfach. Sondern er fährt, sagt er, und sonst gar nichts. Natürlich kommt es anders, weil das Genre es verlangt.

Aber ist die derzeit alleinerziehende Kellnerin Irene (griechisch: Frieden!), die im durchnummerierten Los-AngelesApartment gleich nebenan wohnt und von Carey Mulligan so unwiderstehlich mulligan’sch verkörpert wird, jene femme fatale, die jeder bessere Neo Noir braucht? Eigentlich ist sie das absolute Gegenteil: eine in Schmerz gebadete Unschuld. Und gerade deshalb fatal für diesen Automenschen, der plötzlich ein Ziel hat über die kühle Welt bi- oder multilateral vereinbarter Aufträge hinaus. Er gibt sich selbst einen Auftrag, und der funktioniert – zumindest anfangs – so erschütterungsfrei wie eine moderne Start-StoppAutomatik.

Der Däne Nicolas Winding Refn hat bislang überwiegend B-Thriller gedreht, die „Pusher“, „Bleeder“ oder „Bronson“ heißen; als Kind und Jugendlicher lebte er fast zehn Jahre in den USA. „Drive“ speist sich, nahezu physisch fühlbar, aus einem biografisch verbürgten Bildergedächtnis und funktioniert zugleich perfekt als Genrestück – mit großartigen Genre-Gesichtern. Da ist Ron „Hellboy“ Perlman, der einen supercoolen Pizza-Mafioso gibt. Oder Albert Brooks, der schon bei „Taxi Driver“ dabei war. Hier spielt er ein leeräugiges Bleichgesicht mit beeindruckend zügigem Hang zum Stilett. Auch der Autoschrauberboss Bryan Cranston oder Oscar Isaac, Irenes aus dem Knast entlassener Ehemann, sind bereits einschlägig aufgefallen. Und alle machen nur das Allernötigste, das aber sehr.

Was bleibt, wenn das Motelzimmer mit Pumpguns zerfetzt, das Auto des ganz besonders Bösen endlich den Abhang hinuntergestürzt ist und ein irgendwie doch guter Kerl seine Seele vorm Kühlergrill eines aufgemotzten Chevy Impala zwischen Öllachen ausgehaucht hat? Die seltsamste Liebesgeschichte der Welt, verkörpert von einem sensationellen Hauptdarstellerpaar. Viele Szenen brauchen sie dafür nicht. Nur Stille. So still wie ein Kuss im Fahrstuhl sein kann, zum Beispiel.

In zwölf Berliner Kinos. OmU im Babylon Kreuzberg, Central Hackescher Markt, Filmtheater am Friedrichshain, OV im Cinestar Sony-Center

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